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SoD – Strange on Demand

Paul M. Backert: „Est! Est? Est!!! EsT!!!! Non Est! – Ein Humpelroman oder Anleitungs- bzw. Umleitungsroman hin zum Liebesroman“

Von Daniel Ableev

 

Das im Selbstverlag erschienene „Est! Est? Est!!! EsT!!!! Non Est!“ ist ein klarer Fall von Obskurrilität. Gerne würde man hier auch schön mit dem halbwegs abgenutzten Fachbegriff „Geheimtipp“ operieren, doch dazu kommt es womöglich nicht.

 

Der in Norwegen lebende Autor hat bereits zwei Romane veröffentlicht sowie norwegische Lyrik ins Deutsche übersetzt. Und hier nun sein semi-verrücktes Büchlein „über die erfolgreiche Bekämpfung von Warzen, konzipiert als Parodie auf die Widerwärtigkeiten des Lebens“. So weit, so spaßig.

 

Wie das Werk eines Laurence-Sterne-Amateurs (im besten Sinne des Wortes) kommt dieser immer wieder experimentierfreudige „Humpel- und Umleitungsroman“ daher, rund ist hier kaum etwas. Das hat seine Vor- und Nachteile. Der dieser von kühnem Schalsein (und virse veca) gekennzeichneten Erzählung zugrundeliegende Versuch, Otto Pfurzelbaums (sic) unliebsame Fußwarze totzustechen, ist eine uneindeutige Mischung aus Komik und Dilettantismus. Das lauwarme Feeling aus wohlwollender Enttäuschung bzw. enttäuschter Wohlwolle überträgt sich leider auf den gesamten Text. Da können auch diverse Verspieltheiten des Autors, der mal auktorial, mal autobiographisch-ichperspektivisch agiert, nicht recht trösten.

 

Eventuell wird diese Rezension denselben interessant-unbefriedigenden Nachgeschmack hinterlassen wie der rezensierte Roman …

 

Paul M. Backert:

„Est! Est? Est!!! EsT!!!! Non Est!“

Books on Demand 2012

121 Seiten, Euro 12,00

ISBN 978-3844822212

 

 

Hoch

 

 

 

Nasendes ohne Ende

Harald Stümpke: „Bau und Leben der Rhinogradentia“

Von Daniel Ableev

 

Als Christian Morgenstern sein berühmtestes Tier erdichtete, stand er unter dem Einfluss von sprachschöpferischer Spielfreude, der Einsicht, dass einem „auf seinen Nasen” einherschreitenden Wesen vollendete Urkomik inhärent ist (vgl. auch diverse Nasen in „Tristram Shandy“), und ein wenig auch des eher pragmatischen Faktums, dass „Nasobēm“ sich sehr anständig auf „Brehm“ reimen lässt, in dem es bekanntlich noch nicht steht.

Gewiss hat Morgenstern nie daran gedacht, dass über ein halbes Jahrhundert später der originelle Zoologe Gerolf Steiner alias Harald Stümpke die Idee der nasalen Fortbewegung nicht nur köstlich finden, sondern köstlicherweise aufgreifen und so weit treiben wird, dass das vorliegende Büchlein, in seiner Symbiose zwischen Kunst und Wissenschaft recht einzigartig, dabei herauskommt.

 

Man mag womöglich, insbesondere bei den sog. „Nasenblümchen“, an die asemischen Kreativitätshöhen eines „Codex Seraphinianus“ denken, worin unter anderem Serafinis florisch-faunische Phantastereien behandelt werden, aber eine so konsequent durchgeführte Bio-Mockumentary wie die vorliegende ist wirklich eine rare Quatschigkeitsperle, für die wir dankbar sein müssen.

Doch am besten lässt man die wunderbar bescheuerten, stets nasal fixierten Fachtermini für sich sprechen, die in Stümpkes szientistischem Beitrag in großer Zahl vorhanden sind. Da wäre zunächst der monumentale Begriff des „Nasariums“ (vgl. die schwedische Grind-Metal-Band Nasum, Nasenaffen oder NASA), das in der realen Zoologie womöglich am ehesten auf den sagenhaften Sternmull zuträfe. Es gibt auch die Weich- und Wandelnasen, die Ganz- und Nur-Nasen, Saugmund-Nasenhopfe, den Tyrannonasus imperator (Raubnase) aus der Familie der Tyrannonasidae, den „schneuzenden Schniefling“ – und natürlich das „Große MORGENSTERN-Nasobem, […] der bestbekannte Vertreter der Polyrrhinen“. Dieses verfügt über nasale Schwellkörper, die für einen großartigen Turgor sorgen, und kann seinen Schwanz lasso-artig ausschleudern: „Das geschieht so, daß der nur in seinem proximalen Teil noch von der Wirbelsäule durchzogene Schwanz einen mit dem Coecum in Verbndung stehenden Gaskanal in sich trägt und durch diesen (nach Erschlaffung des Sphincter Coeco-gasotubalis) plötzlich mit Darmgasen gefüllt werden kann, so daß er prall gebläht und auf einer Länge von über vier Metern hochgeschleudert wird.“

Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind die meist idiotischen Namen der zitierten Wissenschaftler, die zu schön heißen, um wahr zu sein: Bitbrain, J. D., Bleedkoop, Fr., Combinatore, M., D’Epp, Fr., Mayer-Meier, R., Shirin Tafaruj u. a.

 

Erstaunlich an dieser trockenhumorig-feuchtnasigen Wissenschaftsparodie ist ihre Kongenialität in Bezug auf die Fortführung der Morgenstern’schen Vision, die nicht viel mehr als eine grandiose Albernheit des Humor-Exzentrikers hätte bleiben können. Und der Ausbau des Konzepts „Nasling“ bzw. „zu Nase gehendes Tier“ beschränkt sich nicht lediglich auf eine taxonomisch „korrekte“ Abhandlung über die verschiedenen Unterarten und Subspezies der Rhinogradentia, sondern wird durch talentierte Zeichnungen des Autors, die das gesamte Spektrum (der Wissenschaft) zwischen skurril bis grotesk erfolgreich abdecken, eindrucksvoll gestützt.

 

Harald Stümpke:

„Bau und Leben der Rhinogradentia“

Spektrum Akademischer Verlag 2011

96 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3827418401

 

 

Hoch

 

 

 

Nie albern. Oder wenn, auf eine gute Art

Nicolas Mahler: "Was fehlt uns denn?"

Von Bettina Meinzinger

 

 

 Die Figuren von Nicolas Mahler haben etwas (Klein-)bürgerliches an sich. Die Frauen mit ihren hochgesteckten Dauerwellen, den Handtäschchen, und die Männer mit Anzughose und Hut. Grantig wirkende Ehepaare kommen aus dem Konzert (Tinnitus live in concert), verfolgen die Theaterkritiken im Feuilleton („Die Diagnosen waren vernichtend“), ältere Damen wackeln mit ihrem Rollator zum Institut für Wunderheilung (wegen Zweifel geschlossen), Männer besuchen pflichtbewusst ihre Ehefrauen im Krankenhaus (die Haushaltsunfall-Ambulanz). Dazwischen haben literarische Sonderlinge sich den weißen Kittel angezogen, um als Ernährungsberater Dr. Mabuse oder homöopathischer Frankenstein die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. In „Was fehlt uns denn? Cartoons für Ärzte und Patienten“ wird der Urologen-Marsch aufgeführt, es geht um Blasenschwächen, Stuhlgang und Darmspiegelungen. Dass es nie albern wird, oder wenn, auf eine gute Art albern, liegt an Nicolas Mahlers feinem Sinn für Humor. Seine Figuren wirken in ihrer, Pardon, Plumpheit charmant und liebenswert. Mit gar nicht vielen Strichen haucht Mahler jedem seiner Strichmännchen eine eigene Persönlichkeit und Biographie ein. - Sehr lustig sind seine Cartoons übrigens auch!

Ärzte und Patienten, kauft dieses Buch.

 

Nicolas Mahler:

"Was fehlt uns denn?"

edition moderne 2011

56 S., Euro 12,80

ISBN 978-3037310717

 

Hoch

 

 

 

Für Anekdotierliebhaber

 Matto Kämpf: "Tiergeschichten 2"

Von Daniel Ableev

 

Seit 1998 gibt es den in Luzern angesiedelten Verlag "Der Gesunde Menschenversand". Bei so einem Namen kann das Komische natürlich nicht weit sein, was beispielsweise das kleine, aber feine Bändchen „Tiergeschichten 2“ des Berner Autors Matto Kämpf unter Beweis stellt. Wie schon in dem ersten Teil von 2007 geht es hier tierisch-skurril zur Sache: Ein (Ausländern nicht sonderlich wohlgesinnter) Rentner wird philosophisch, als er eine Fliege in seiner Suppe entdeckt. Ein Zoologe übertreibt es in seiner aktuellen Publikation ein wenig mit Tiervergleichen, indem er Belgier mit Kojoten und Asiaten mit Lemmingen gleichsetzt. Und in „Ein grosser Schritt“, der lakonischsten der 25 Kurzgeschichten, erfahren wir, was die frei nach Neil Armstrongs berühmtem Motto zum allerersten Mal in der Evolutionsgeschichte Land betretende Amphibie dachte – „Allez Hop“ nämlich. Witzig sind auch die „Kopiermaschinen neuster Bauart“ wacker bezwingenden und „Brahms-Noten für den Musik-Sommerkurs auf 85%“ zielsicher verkleinernden Rentnerinnen, die trotz Hauptrolle ausnahmsweise keine Tiere sind, zumindest nicht im engeren Sinne des Wortes.

Als Fazit lässt sich feststellen, dass Matto Kämpf sicherlich ein sehr unterhaltsames Buch gelungen ist, das zudem mit 16 Fotos von wild dreinschauenden Tierpräparaten aufwartet. Allerdings sind nicht alle Texte gleichermaßen pointiert, was das grundsätzliche Lob für die subtile Albernheit des Autors aber nicht schmälern soll.

 

Matto Kämpf:

„Tiergeschichten 2“

Der Gesunde Menschenversand 2011

39 Seiten, Euro 10,00

Größe: 16,4 x 12,8 x 0,6 cm

ISBN 978-3905825343

 

Der Rezensent lebt als Schriftsteller, Journalist, und Illustrator in Bonn und Koblenz. Von ihm liegt das Theaterstück "Wahnsinniggi" (Autumnus Verlag) vor.

 

Hoch

 

 

Meister seiner Zunft

Diethmar Dath: "Eisenmäuse"

Von Tobias Hofer

 

Wie ein Pixi-Buch sieht das Ganze aus. Na, passt ja auch, schon zur Widmung: "Für mein Kleines". Was folgt, ist nur eine Enyklopädie des Kinderlebens. Dafür bracuht es schon zwei Spalten pro Seite. Gestaltung passt zu Inhalt! Alles sieht aus wie ein echtes großes Buch. Wenig Rand, viel Text. Es erinnert leicht an diese amerikanischen Bibeln, die einem Baptisten beim Trampen schenken.

Aber diese hat ein quadratisches Format und dickeres Papier. Die Überschriften sind in einer langgestreckten, langgezogenen Art eingefügt, als würde man die Buchstaben auseinanderziehen wie ein Gummi. Dadurch werden die einzelnen Kapitel grob unterbrochen und geben diesen Vierspaltern die passende Unterbrechung. Zwischendurch kommen ganzseitig oder auch doppelseitig Schwarzweißbilder von jungen Mädchen in Lolita-Pose dazu. Gekonnt ist das von dem Designer Mario Lombardo.

Die Texte von Dietmar Dath sind vorlesefähig. Obwohl es Kürzesttexte sind!

Lieblingssache des Rezensenten ist die Rückseite: „Ein wahrer Meistern seiner Zunft. Gunter Gabriel" Damit wird die ganze Literaturkritik dieser Superlativsätzchen, die sich Wichtigtuer oder durchgeknallte Countrysänger, egal, ausdenken, entblößt.

Und ganz unten folgt dann der auffällig gedruckte Barcode, der mit den Schriftbildern korrespondiert. 

"Furios, alles furios."

 

Dietmar Dath:

"Eisenmäuse"

44 Seiten, Euro 4,90

Hablizel 2010

ISBN: 978-3941978041

 

Hoch

 

 

Geliebtes Ghetto

Heiko Werning hat mit "Mein wunderbarer Wedding" eine Liebeserklärung an Berlins letzten Ghetto-Stadtteil verfasst

Von Jule D. Körber

 

"Papa, der Osterhase!", ruft mein dreijähriger Sohn begeistert, als er in den Garten guckt. Verdammt, es ist nicht zu leugnen. Das Rattenproblem im Hinterhof ist wieder schlimmer geworden.

 

Hamburg ist ein Dorf, Berlin besteht aus lauter Dörfern. So heißt es und man merkt die Wahrheit in dieser Floskel allein schon daran, dass es in Hamburg den Kiez - die Reeperbahn - gibt und in Berlin jeder seinen eigenen Kiez hat. Laut wissenschaftlicher Definition handelt es sich beim Kiez um "soziales Bezugsystem", nicht um eine "Verwaltungseinheit", wie das beim Stadtteil der Fall ist. Der Berliner Wedding ist Beides, Verwaltungseinheit und soziales Bezugssystem.

Heiko Werning ist dort schon fast eine Immobilie, schließlich wohnt er seit 1991 in dem Stadtteil, über den herzufallen, sich bisher nicht mal die Gentrifizierer trauten. Dabei geht das Gespenst Gentrifizierung sonst überall um in Berlin: Der Prenzelberg und Kreuzberg waren in Berlin nur der Anfang der "Stadtteilsaufwertung", an manchen Ecken von Neukölln wird inzwischen auch schon kräftig saniert. Warum sich jedoch an den Wedding nicht rangetraut wird, das erfährt man in "Mein wunderbarer Wedding" von Heiko Werning.

In seinen Geschichten begegnet man den wehrhaften weiblichen Bewohnern, die sich hier

 

"in hautenge Tops zwängen, die dem Begriff "bauchfrei" eine neue, geradezu physische Dimension geben, denn dem speckigen Bäuchlein bleibt oft gar keine Möglichkeit, als den Weg in die Freiheit zu suchen, alternativlos quillt es wie Zwiebelmettwurst an der offenen Seite des Kunstdarms heraus, wenn man oben ordentlich draufdrückt".

 

Und die männlichen Weddinger sind auch nicht unstylischer:

 

"Männer daneben sind mit ausgefransten Ledermatten behangen und gucken durch die vom U-Bahn-Schacht-Abwind lustig hin und her spielenden Zotteln ihrer Cowboyhütte in die Gegend, während andere so wirken, als seien sie ausgebrochene Exponate eines ZZ-Top-Museums. (...) Ältere deutsche Herren sind so zurechtgemacht, als wären sie GIs, die gerade aus dem Irak zurückkehren, und ältere türkische Herren laufen in maßgeschneiderten Anzügen zum Jobcenter, als müssten sie danach noch die Übernahme eines DAX-Konzerns unter Dach und Fach bringen. Ein Mann läuft hier sogar seit Jahren wie Friedrich der Große herum, im vollen preußisch-blauen Wichs, aufwändig geschminkt, mit Dauerwellen-Perücke.".

 

Und selbst die migrationshintergründigen Jugendlichen sind bei Werning so authentisch, dass sie schon fast der Baudrillardschen Hyperrealität entsprechen - echter als die Realität, der Wedding ist das HDTV der Brennpunktsoziologie:

 

"Migrationshintergründische Jugendgangs tragen bizarre Kopfrasuren zur Schau, blenden den Betrachter mit einem Weiß, bei dem sich die gute alte Tante Clementine schamhaft in ihre Waschküche verkrochen hätte, oder stopfen sich in seltsam aufgeplusterte Jacken, die sie von Weitem aussehen lassen, als würde sich das Michelin-Männchen mit seinen Kumpels zum Plausch treffen".

 

Werning begnügt sich dabei natürlich nicht nur mit den treffenden Beschreibungen seiner Nachbarn. Der Langzeitstudent ist ja schließlich fast-Akademiker und liefert auch gleich die treffenden Analysen:

 

"Niemand hat diese Menschen gezwungen, so nach draußen zu gehen. Im Gegenteil: Dem nackten Entsetzen zum Trotz, das ihnen im Rest der Welt entgegenschlagen würde - sie haben Aufwand und Mühe in Kauf genommen, sich so zurechtzumachen. Viele der Frauen mussten erhebliche körperliche Anstrengungen auf sich nehmen, um den glitzernden Synthetik-Stoff über die Beine zu bekommen, Präzisionsarbeit war erforderlich, um die Hosennaht so exakt zwischen die Schamlippen zu drapieren. Die Islamerjungs bringen ohne Zweifel viele Stunden in der Woche damit zu, mehrmals am Tag ihre Klamotten zu wechseln, damit sie immer im strahlenden Weiß leuchten, ganz zu schweigen von all den Goldkettchen, die abends ordentlich abgelegt und morgens in der richtigen Reihenfolge wieder installiert werden müssen, ohne dass sie sich verheddern. Kurzum: Es ist der freie Wille all dieser Menschen, so herumzulaufen. (...) Und dazwischen bewegen sich noch all diejenigen, denen alles egal ist. Die halt mit dem vor die Tür gehen, was gerade dran ist, (...) in Textilien, für die ich gar kein passendes Vokabular kenne. (...) Mögen die Hintergründe, die die Menschen hier zu dieser entspannten Einstellung gebracht haben, auch fragwürdig sein - ist es im Ergebnis denn nicht eine wunderbare Vision?".

 

Werning liebt seinen Kiez und dass er auch über Reptilien schreibt, merkt man in jeder einzelnen Geschichte des Bandes. Eigentlich möchte man jede zweite Zeile zitieren, man möchte diese Sätze wegen ihrer Genauigkeit immer mit sich herumtragen und sagen: Die hat jemand geschrieben, der von innen heraus forscht. Ein Wilder unter Wilden, der sich auch gerne mal darüber amüsiert, wie der Blick von außen auf seine Heimat scheint - zum Beispiel, wenn er zum erneuten Male Journalisten durch den Stadtteil führen muss, damit die ihre Ghetto-Reportage kriegen.
Und immer wieder tauchen Figuren auf, die richtige Weddinger Originale sind, wie der türkische Restaurantbetreiber, der die Marktlücke der gutbürgerlich-deutschen Küche entdeckt, der von Paranoia geplagte Alkoholiker Backen oder der bezirksbekannte Wahnsinnige, den alle nur "den Kapuzenmann" nennen und vor dem selbst die "korrekten Migranten, die wissen, was von ihnen erwartet wird" Respekt haben.
Und wenn all das dann auch noch auf Wernings Probleme mit der Steuerbehörde trifft und man ihm dabei zusehen darf, wie er versucht, seinen Sohn davon abzubringen, sterbende
Ratten niedlich zu finden, entsteht aus seiner Perspektive der perfekte alternative Wedding-Reiseführer.

 

Heiko Werning: Mein wunderbarer Wedding. Geschichten aus dem Prekariat
Bittermann 2010

192 S., 14.00 Euro

ISBN 978-3893201433

 

Hoch

 

 

Darüber hinaus ein amüsant-leichtfüßiges Lesevergnügen

Günther Bloch & Elli H. Radinger: "Wölfisch für Hundehalter"

Von Anne Spitzner

 

Mit „Wölfisch für Hundehalter“ gelingt den beiden Autoren und erfahrenen Wolfsforschern Elli H. Radinger und Günther Bloch, was viele nicht schaffen: zu faszinieren und doch auch gleichzeitig zu belehren. In ihrem Buch verschmelzen ein Ratgeber zur Hundeerziehung, ein Sachbuch zur Wolfsforschung und ein Erfahrungsbericht über das Leben der Wölfe in freier Wildbahn zu einem groß(artig)en Ganzen. Bloch und Radinger ziehen aus dem Verhalten der Wölfe, ihrem Sozialleben, Jagd- und „Freizeit“-Verhalten Rückschlüsse auf das Verhalten und die Bedürfnisse unserer heutigen Haushunde. Dabei vermeiden sie es jedoch, Wölfe und Hunde pauschal über einen Kamm zu scheren, sondern betonen sehr wohl, dass Wolf und Hund zwar stammesgeschichtlich verwandt und verhaltensbiologisch ähnlich sind, aber trotzdem nicht automatisch von einem auf den anderen geschlossen werden kann. Die Parallelen, die zwischen Wolf und Hund vorhanden sind, können jedoch gut zur Hundeerziehung genutzt werden, darauf machen die Autoren mehrfach aufmerksam.

Das Buch ist hervorragend strukturiert, die Kapitel sind nach verschiedenen Aspekten im Verhalten von Wolf und Hund eingeteilt. Jedes Kapitel bietet noch verschiedene Unterpunkte, von denen jeder ein bestimmtes Verhalten von Wölfen in freier Wildbahn erklärt, daran anschließend dessen Bedeutung für den Hundehalter und ein Fallbeispiel aus der Wolfsbeobachtung der beiden Autoren enthält. Die Erklärungen sind sachlich, fundiert und trotzdem verständlich, die anschaulichen Fallbeispiele sprechen sehr deutlich von der Wolfsliebe der beiden Autoren.

Darüber hinaus gibt „Wölfisch für Hundehalter“ auch noch einen ganz neuen Blick auf das Miteinander von Mensch und Hund; viele Dinge, die seit langem als gegeben hingenommen werden, beispielsweise, dass der Mensch den Hund als Rangniederen behandeln sollte, werden durch Argumente aus der Verhaltensforschung widerlegt. Dazu werden auch Alternativen angeboten, sodass man am Ende nicht ratlos, sondern klüger dasteht als zuvor. Zumal man nur wenig Vorwissen braucht, um das Buch zu verstehen.

„Wölfisch für Hundehalter“ bietet also einen Einblick in das Leben der Wölfe, Tipps für die Hundeerziehung und darüber hinaus ein amüsant-leichtfüßiges Lesevergnügen, das von der ersten bis zur letzten Seite anhält.

 

Günther Bloch:

„Wölfisch für Hundehalter“

Kosmos 2010

192 Seiten, 19,95 Euro

ISBN 978-3440122648

 

Hoch

 

 

Wenn schon links, dann so

Dietmar Dath schreibt einen Roman, der auch nur ein Roman sein kann

Von Jan Fischer

 

Stellen wir uns kurz vor, Douglas Adams wäre nicht gestorben,  sondern wäre nach Deutschland gezogen, hätte nach den Naturwissenschaften noch einmal begonnen zu studieren, und zwar angewandte Popkultur, zeitgenössische Kunstgeschichte und radikalen Kommunismus, hätte dabei einen Illustrator kennen gelernt, und daraufhin beschlossen, doch endlich einmal einen Jugendroman zu schreiben, und, naja, vorstellen muss man sich das eigentlich nicht, Dietmar Daths „Deutschland macht dicht“ ist dieser Roman.

Jetzt zu sagen, dass Dietmar Dath endlich einmal einen lesbaren Roman geschrieben hat, wäre gehässig, aber so richtig unwahr wiederum auch nicht: Zumindest sind die üblichen Dath-Entschlüsselungsmechanismen überflüssig, die Menge der benötigten Sekundärliteratur hält sich in bemessenen Grenzen. Der Grund übrigens, für den Vergleich mit Douglas Adams, sind übrigens hauptsächlich zwei Dinge: Einmal ist es ein Science-Fiction-Roman, dazu später, andererseits ist die Handlung genauso unzusammenfassbar wie bei Adams. Versuchen wirs mal: Einmal wären da Hendrik und Rosalie, die sich lieben, aber es dauert seine Zeit, bis sie sich kriegen, was nicht zuletzt an Clea liegt, die Hendrik auch gerne haben möchte. Andererseits gibt es da noch das Problem, dass Deutschland plötzlich dicht macht, alle Dathismen abgehobelt passiert ungefähr folgendes: Das Geld entwickelt ein Bewusstsein, und mit Hilfe von Technik, bzw. Magie, wird das Land „plombiert“, was letztendlich bedeutet, das alles drunter und drüber geht, niemand mehr rein oder raus kann, sowie Zeit und Geographie verrückt spielen. Außerdem kommen noch ein Redakteur der „Erhabenen Zeitung“, ein Kommunist, ein Stoffhase namens Mandelbaum, ein Kunstwerk namens Ohne Titel, und ein radikaler Kamikaze-Käse, genannt Kamikäse, vor. Ach ja, und Jesus.

Es dürfte wenige zeitgenössische Autoren geben, die Kapitalismuskritik mit den Mitteln der Science-Fiction betreiben, wahrscheinlich gibt es in Deutschland im Moment nur einen davon, und zum Glück ist es Dietmar Dath: Kapitalismuskritik aus der linken Ecke riecht ja seit ungefähr 20 Jahren immer etwas vergammelt. Aber einer der vielen Verdienste Daths ist es, seine Kritik an dem, was man System nennt, klug und zeitgemäß zu betreiben, vor allem aber, was in der linken Ecke wirklich selten ist, mit Witz und Selbstironie. So ein Buch ist „Deutschland macht dicht“, und was es wirklich gut macht, ist nicht nur der Feldzug des Autors gegen kapitalistische Auswüchse. Es sind auch nicht die schönen, sparsamen Schwarzweißillustrationen, die hier und da aufblitzen, das ganze auflockern, und dem Text wirklich auch etwas hinzuzufügen haben, und sei es nur ein Gag. Es ist auch, und vor allem, dass man „Deutschland macht dicht“ auch nicht als Manifest lesen muss. Als Roman geht auch.

 

Dietmar Dath:

„Deutschland macht dicht“

Suhrkamp 2010

201 S., Euro 17,80

ISBN 978-3518421635

 

Hoch

 

 

Schlüsselsatz

Martin und Matto

Von Tobias Hofer

 

Wenn Martin Walser ein neues Buch schreibt, dann gibt es Kritiker, die müssen es beachten. Wenn Martin Suter ein neues Buch schreibt, dann gibt es Kritiker, die müssen es beachten.

Bei uns ist das so ähnlich, nur sind es auf keinen Fall Bücher von diesen Martins, also von überhaupt keinem Martin, das ist Redaktionsstatut, sondern von Matto Kämpf. Matto Kämpf hat vor einigen Jahren „Tiergeschichten“ geschrieben. Seitdem wissen wir, dass wir alles von Matto Kämpf werden beachten müssen. Es kamen dann allerdings Postkarten, literarische Postkarten vielleicht, das haben wir nicht richtig kapiert, und die kennen wir nicht. Nun aber, nach langer Zeit des Wartens, ist sein neues belletristisches Werk, „Krimi“, erschienen. Das sei vorweg gesagt: Wir sind nicht enttäuscht worden. Matto Kämpf kann nicht nur die Prosaminiatur. Er hält fast 44 Seiten einen einzigen Plot durch, er hat sogar eine Hauptfigur:: „Der Kommissar hat seine eigene Ermittlungstaktik: Er sitzt stumm und starr in seiner Ecke der Gaststube und brütet vor sich hin. Er versinkt in Gedanken und wird vollkommen reglos, wie ein altes Reptil. Dadurch wird er von den Stammgästen nicht mehr als Gast wahrgenommen, sondern als Hintergrund, als Teil der Wand." Doch am Ende des Buches sitzt er dort nicht mehr, wird er nirgendwo je mehr sitzen.

Nebenfiguren gibt es auch, Meuchli, den Assistenten: Etwas Angeheiratetes hat er, meint der Kommissar von seinem Mitermittler. Also muss er allein ermitteln. Schweizer Dorf. Wir verraten bestimmt nicht zu viel, wenn wir verraten, dass die Haushälterin nicht die Täterin ist, der Dorfkommunist auch nicht, die Schönheit nicht. Nur zwei Scherze erinnern an die blöden Popliteratenwitze, sonst ist alles jut geworden, was wir da aus Bern zu lesen kriegen.

„Der Fall verästelt sich“ ist ein Schlüsselsatz, man kann sichs denken. Der Matto Kämpf auch. Wir haben mit „Krimi“ den Krimi überhaupt für uns wiederentdeckt, und Matto Kämpf noch viel mehr. Wir warten auf das nächste Buch. Unser Muss.

 

Matto Kämpf:

„Krimi“

Der Gesunde Menschenversand 2009

44 S., Euro 10,00

ISBN 978-3905825121

 

Hoch

 

 

Zur Sau

Schweiger und Kämpf

Von Tobias Hofer

 

Blaue Hose, weißes Hemd, in der Hand die Nikon, die es zur Kommunion als Geschenk gab. Darunter ein Rasen, über den man angeberisch schlendern kann, erheischendes Augenblitzen, breitgezogener Mund, Mundwinkel runter. Das ist der Angeber aus den frühen siebziger Jahren. Da war er schon ein Kotzbrocken. Da war er zehn.

Heute ist er Til Schweiger. Durch ihn erinnere ich mich dauernd an den verhassten, eigentlich längst vergessenen Angeber. Jetzt habe ich das Bild des Grauens immer vor mir. Seit Til Schweiger meint, wer Erfolg hat, hätte auch Beachtung verdient. Als würde jemand so einen Film freiwillig sehen, nur weil es viele machen. Ich lese ja auch die Bild-Zeitung nicht, nur weil es viele machen.

Ich war nur glücklich, als sein Film von 2009 sich ankündigte, weil die Chance bestand, durch noch mehr Geld würde Schweiger endlich seine Komplexe los. Aber dem Angeber aus meiner Kindheit hat die Nikon nichts genützt, und hier nützt alles Geld der Welt nichts. Der Schweiger kommt aus einer Akademikerfamilie, was heißen könnte, dass er wissen könnte, wie unter jedem Niveau er ist. Doch zum Zyniker reicht es nicht. Schade. Denn dann hätte der Film von 2009 irgendetwas an sich, das diesen anderthalbstündigen Niedergang erträglich machen würde. Nichts davon. Wie es mit Schweiger und mir in Zukunft weitergeht, ist mir klar. Es bleibt unter aller Sau zwischen uns.

Darum habe ich, als Kritiker von Librithek in den Film geschickt, die Kinokarten sofort in den Müll geworfen. Kenne ich nicht, den Film, und meine Meinung bleibt eindeutig, ohne Zeitverlust.

Wie bei „Krimi“, einem Buch von Matto Kämpf. Das sollte ich für Librithek besprechen, vor Wochen den Verlag um ein Rezensionsexemplar bitten. Ich hatte den Erinnerungszettel in den Müll geworfen.  

Til Schweiger und Matto Kämpf sind für mich über das Müllunglück hinaus nicht dasselbe. Matto Kämpf ist Schriftsteller oder so, er ist aus der Schweiz, und ich kenne schon was von ihm: „Tiergeschichten“. Darüber gibt es zu lesen: Das kleine, als getackertes, farbkopiertes Notizheft daherkommende Büchlein enthält Kürzestberichte von Tieren und den Menschen um sie herum. So etwas wie die „Tiergeschichten“ von dem 1970 geborenen Thuner Matto Kämpf gab’s noch nicht; stilistisch wie inhaltlich ein Unikat. Ist das hip! Wer dieses Buch nicht endlich geschenkt bekommt, muss es sich selber kaufen.

Dieselbe sprachfreie Begeisterung, da bin ich sicher, wird mich angesichts seines nächsten Keindruckbuch „Krimi“ erneut ergreifen. Um die Rezension zu faken, habe ich über das Buch schon etwas gelesen; na, Werbung: „Der Krimi ist eine Variation und Parodie einer typischen schweizerischen Kriminalgeschichte: Ein Kommissar aus der Stadt kommt in ein kleines Dorf und versucht, zusammen mit seinem Assistenten Meuchli einen Mordfall zu lösen. Er lernt das Dorfleben und seine Exponenten kennen, besucht den Pfarrer Jesses Strübi mit seiner Haushälterin Antibiotika Wälti, den Advokaten Phüetis Stützli, trifft auf Knechte, Hösteler und Hippies. Er logiert und bechert in der Wirtschaft «Zur Sau»“

Und ganz tolle Bewertungen von denen, die amazon oder einen Blog für literabel halten, die meinen, sie wüssten was über Fleischwickler. (Zwölf Seiten Fleischwickler scheints in dem Buch zu geben.)

Solche vom Metzger. Da ist man wieder bei Schweiger, dem Unterschichtsschlachter. Zur nächsten Librithek-Ausgabe, ganz sicher, werde ich keinen einzigen seiner Filme gesehen haben. Und auf keinen Fall rezensieren. Wieder eine Gemeinsamkeit mit Matto Kämpf, falls er einen Film gedreht hat.

Das war jetzt billig, oder? Dass es einen Unterschied gibt? Ja. Ich werde „Krimi“ in der nächsten Librithek-Ausgabe rezensieren.*

 

Matto Kämpf:

„Krimi“

Der Gesunde Menschenversand 2009

44 S., Euro 10,00

ISBN 978-3905825121

 

Hoch

 

     
 

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