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Who’s your Dandy?

Melanie Grundmann: „Das Dandy-Kochbuch“

Von Daniel Ableev

 

 

Ob Kaviar oder Trüffel, ich, mehr Gourmand denn Gourmet, würde wahrscheinlich beides aus dem Einmachglas löffeln, weil ich in den raffinierten Dingen des Lebens nun mal, man kann es nicht anders ausdrücken, ein philiströses Schwein bin: Ich war noch nie ein Lebemann, ich bin kein Bonvivant, und auch in dreißig Jahren dürfte ich von Vivre nicht mehr Savoir haben als ein Fin-de-Siècle-Flaneur von Videospielen. Das bedeutet aber nicht, dass der Dandysmus auf mich keine Faszination ausübt, ganz im Gegenteil. Zwar kann ich mir einen ultrafeinen Hipster nicht zu Gemüte führen, ohne zugleich an  drastischen Körperklamauk à la „A dandy grew tired of blinking. […] He […] nailed his upper eyelids to his eyebrows and his lower eyelids to his eyebags“ (D. Harlan Wilson, "Pseudo-City") denken zu müssen, aber zugleich ist auch Respekt mit im Spiel, denn es gehört einiges an Cojones und Klasse dazu, einem solch extravaganten Lifestyle frei von Ironie (?) zu frönen.

Wie dem auch sei, der vorliegende Band ist ebenso schön und ansprechend, wie es das Thema erwarten lässt, nämlich die Kulinarik für edle Genussmänner, wobei zweifelhaft ist, ob ein Edelmann tatsächlich selbst zum Kochlöffel greift. Die Autorin weiß jede Menge über die Dandy-Kultur zu berichten (vgl. www.dandysmus.de) und lässt sich zu der hier präsentierten Auswahl an köstlichen Gerichten von der Bohème de la Bohème inspirieren, nämlich Oscar Wilde, Lord Byron und Joris-Karl Huysmans bzw. seiner Romanfigur Jean Floressas des Esseintes. Wer etwa die Netflix-Dokuserie "Chef’s Table" verfolgt hat, wird sich hier angesichts der geschmackvollen, großformatigen Fotografien (samt Rezepten) etwa von Schildkrötensuppe, Steinbutt in Muschelschalen, Taubensalpikon, Trüffeln in Champagner à la serviette, ambraduftender Schokoladencreme, Absinthpudding, aber auch Wildkeule und Blutwürstchen, gleich zu Hause fühlen. Abgerundet wird die Publikation durch Porträtaufnahmen einiger moderner Dandys sowie eine rund 20-seitige Historie der Dandy-Cuisine.

Fazit: hochwertig, informativ, leidenschaftlich – ein Bilderbuch für den ästhetischen Dekadenzler in uns.

 

Melanie Grundmann: „Das Dandy-Kochbuch: Originalrezepte für Männer mit Stil“

Rogner & Bernhard, 2015

256 Seiten, 39,95 €

ISBN: 978-3954030927

 

 

 

Hoch

 

 

Wirklich tolle Bilder

Stefan Kirchhoff: „Streuner! Straßenhunde in Europa“

Von Anne Spitzner

 

 

Viele Menschen glauben das Problem zu kennen: Gerade in ärmeren Ländern Europas, im Osten, Westen oder Süden, leben zahlreiche Hunde auf den Straßen – und für gewöhnlich ist man der Meinung, dass es diesen Hunden nicht gut geht.

Dass dies stimmen kann, aber nicht stimmen muss, möchte Stefan Kirchhoff mit seinem Buch „Streuner! Straßenhunde in Europa“ richtigstellen. Der Autor ist ausgebildeter Tierpfleger und hat über zehn Jahre im Tierschutz gearbeitet, dabei fünf Jahre als Tierheimleiter. In diesem Buchprojekt verarbeitet er berufliche sowie private Reisen in Länder, aus denen häufig Straßenhunde nach Deutschland vermittelt werden. Zudem ist er drei Monate lang mit dem Wohnmobil durch diese Länder gefahren, um das Leben von Straßenhunden zu dokumentieren. Diese gesammelten Erfahrungen stellt er in „Streuner!“ vor und reichert sie mit anderen, wissenschaftlicheren Quellen an, da er selbst schreibt, dass seine Aussagen lediglich auf stichprobenartigen Beobachtungen und nicht auf statistischen Untersuchungen beruhen.

Dabei stellt Kirchhoff nicht nur die Situation der Straßenhunde in den Ländern vor, die er bereist hat, sondern versucht sich auch an der Definition dessen, was ein Straßenhund überhaupt ist und was ihn und seine Lebensumstände ausmacht. Dabei betont er auch hier, dass dies der erste Versuch ist, Straßenhunde wissenschaftlich zu untersuchen, und dass die Definition deshalb rudimentär bleiben muss. Dennoch gliedert er den allgemein verbreiteten Begriff „Straßenhund“ in verschiedene Unterbegriffe auf und erläutert so, weshalb Straßenhund nicht gleich Straßenhund ist. Auch thematisiert er den Alltag eines Hundes, der nicht „in menschlicher Obhut“ lebt, und zeigt am Handlungsfreiraum und der Selbstbestimmtheit dieser Hund auf, dass das Leben eines Straßenhundes nicht unbedingt schlecht sein muss – auch, wenn diese Hunde natürlich anfälliger für Krankheiten sind, weil sie nur selten jemanden haben, der sie zum Tierarzt bringt, und obwohl es Probleme mit ihnen geben kann, wenn sie aggressiv werden – was Kirchhoff nach eigener Aussage nur außerordentlich selten beobachtet hat.

Kirchhoff bemüht sich sehr darum, eine neutrale Position einzuhalten, obwohl oft durchschimmert, dass er selbst der Meinung ist, dass die Straßenhunde unter bestimmten Bedingungen auf der Straße besser aufgehoben sind als in Tierheimen. So stellt er beispielsweise auch Kastrations- und Tötungsmaßnahmen vor, die es in verschiedenen Ländern gibt, um die Population der Straßenhunde unter Kontrolle zu bringen oder gar abzuschaffen.

Das ganze Buch ist neben dieser sehr wissenschaftlich gehaltenen Seite aber auch gespickt mit Anekdoten, die Kirchhoff auf seinen Reisen erlebt hat, und ein ganzes Kapitel widmet sich der Vorstellung bestimmter Populationen von „Straßenhunden“, beispielsweise am Vesuv oder an den Universitäten Griechenlands – wie sie dort leben, dass sie dort häufig sehr gut versorgt und akzeptiert werden und einfach zum Alltag dazugehören. Immer wieder vergleicht er die Situation mit der Alltagswelt in Deutschland, und fast am Schluss projiziert er in einem Gedankenexperiment die Situation vieler anderer Länder auf Deutschland und überlegt, was wohl geschehen würde, wenn es – aus welchen Gründen auch immer – hier große Mengen an Straßenhunden geben würde.

Das absolute Highlight an Kirchhoffs Buch sind aber die wirklich, wirklich tollen Bilder, die er von Straßenhunden in Europa gemacht hat. Sie bilden den Alltag der Tiere besser ab, als ein Text es je könnte, und bringen den Leser häufig zum Lachen oder Staunen. Dazu gibt es noch zahlreiche praktische Tipps für Hundebesitzer, die einen Hund aus dem Ausland bei sich aufgenommen haben.

Mit „Streuner!“ ist Stefan Kirchhoff ein lesenswertes, interessantes und wunderschön bebildertes Buch gelungen, das erstmals die Situation der Straßenhunde aufarbeitet und dabei mit einigen populären Vorurteilen aufräumt.

 

 

Stefan Kirchhoff:

„Streuner! Straßenhunde in Europa“

Kynos 2014

208 Seiten, Euro 29,95

ISBN 978-3954640256

 

 

Hoch

 

 

 

Vielen aus dem Herzen sprechen

Von Fred Schiebelhut

 

Vielen aus dem Herzen sprechen wird der Vorspann zu dem Buch „Märchenbilder auf Wanderschaft“. Da schöpft man Jahr um Jahr, Tag um Tag aus dem Vollen seiner Kreativität, empfindet tiefe Freude dabei, schafft Werke unterschiedlichster Genres – und dann ist da niemand, mit dem man das teilen, dem man die Werke nahe bringen kann. Dieses Buch ruft zu Mut auf – zeigt Euch, Ihr Bilder, Gedichte, Lieder, ruft es uns zu. Und dann öffnet sich die Galerie, die nun auf Wanderschaft gehen kann!

Als roter Faden durch die Gedichte und Bilder, die hier die Lyrikerin und Künstlerin, Roswitha Moralic, vorlegt, ist bei allem Ernst des Anliegens doch aber das Lachen! Programmatisch ist da gleich zu Beginn der erste Titel „Allein die Lachmöwe verlacht den tierischen Ernst hehrer Himmelsmacht – dazu ein Ölbild zum Ausklappen, um es größer auf sich wirken lassen zu können. Ins Auge sticht die Möwe, die sich das Gewusel der anderen Tiere aus Entfernung anschaut. Und lacht!

Sich der Welt entgegenzustellen, trotz aller Unbilden und Einsamkeiten, dieses „Ich bleibe am Ball“ (aus dem Gedicht „Nur dass wir uns versteh’n, 2013“), davon erzählt die Lyrik, die sich aus der reichen Märchenwelt speist. Die farbenfrohen Bilder –qualitativ sehr gute Abbildungen – untermalen diesen Reichtum.

Wo man sinnen und träumen kann, geben Bilder und Lyrik innere Einkehr. Wenn man einen Katalog des schöpferischer Kreativität zusammenstellen will und nicht einen banalen Bild-Katalog machen, dann greife man „Märchenbilder auf Wanderschaft“.

 

Märchenbilder auf Wanderschaft

Broschur

74 Seiten + 4 Ausklappbilder, 25,-€
ISBN 978-3-9814260-6-9
Verlag Pandora, 2015
 

 

 

 

 

Hoch

 

 

 

Ein Appetitanreger auf ungewöhnliche Speisen

Richard Mabey: „Essbar“

Von Anne Spitzner

 

„Essbar“ von Richard Mabey ist ein Buch über wild gesammeltes Essen, das man zu schmackhaften Gerichten verarbeiten kann. Es enthält zahlreiche Rezeptideen, von denen sich viele auch ganz ohne das Sammeln von Wildpflanzen ausprobieren lassen, aber hauptsächlich geht es genau darum: In einer Zeit, in der die meisten Menschen ihr Essen im Supermarkt kaufen, in der wir unser Essen zu einem großen Anteil aus immer denselben Zutaten zubereiten (wenn wir es denn überhaupt zubereiten), erinnert uns Richard Mabey daran, dass überall in unserer direkten Umgebung Pflanzen wachsen, die vor nicht allzu langer Zeit noch zu Essen verarbeitet wurden. Heutzutage geht hierzulande kaum jemand mehr in freier Natur auf Essenssuche, weil er sich hauptsächlich davon ernähren will oder muss. Das ist wahrscheinlich für unsere ohnehin gefährdeten Artenbestände auch ganz gut so. Aber spannend ist es schon, mal zu lesen oder auch auszuprobieren, was alles in den Wäldern oder an den Feldrändern wächst, das gekocht oder anderweitig verarbeitet werden kann. Oft sind das Pflanzen, an denen man schon hundertmal vorbeigegangen ist, ohne zu wissen, dass sie vor fünfzig Jahren als Kaffeeersatz benutzt oder zu Öl oder Salat verarbeitet wurden.

Mabey stellt in seinem Buch die Bereiche der Bäume, Kräuter, Pilze und Schalentiere vor und verzichtet bewusst darauf, Wirbeltiere als potenzielle Nahrungsquelle darzustellen. Die Pflanzen werden jeweils kurz in Aussehen, Verbreitung & Co. vorgestellt, auch deren prä- oder historische Verwendung wird thematisiert. Nach welcher Systematik (abgesehen von den Übergruppen) die einzelnen Gruppen geordnet sind, ist nicht erkennbar. Für fast alle Pflanzen, Pilze oder Schalentiere  gibt es ein Foto, auf denen die Pflanzen jedoch nicht immer nicht klar erkennbar bzw. von anderen unterscheidbar sind. Es wird im Vorwort darauf hingewiesen, dass „Essbar“ kein Bestimmungsbuch ist und dass man vor dem Sammeln und Verarbeiten besser ein solches zu Rate ziehen sollte. Meist wird ein hervorstechendes Merkmal der designierten Sammelbeute dargestellt. Problematisch an dieser Stelle ist, dass auch giftige Pflanzen oder Pilze hier vorgestellt werden; es wird zwar mehrfach darauf hingewiesen, dass diese Exemplare giftig sind, aber sie sind ohne deutliche Abgrenzung unter den essbaren Pflanzen zu finden. Zudem sind die Pflanzen nicht eindeutig beschriftet; aus dem Text dazu geht meistens hervor, welches Bild zu welchem Text gehört, aber das ist nicht immer der Fall. Auch das ist wohl darauf zurückzuführen, dass „Essbar“ kein Bestimmungsbuch sein soll.

Für die essbaren Wildgewächse gibt es nach deren kurzer Vorstellung Hinweise zum Sammeln und zur Zubereitung. Diese Rezepte sind eigene Kreationen oder von anderen Wildpflanzenköchen, und sie klingen außerordentlich schmackhaft. Dass Mabey gleichzeitig Wildpflanzensammler und Gourmetkoch sein muss, merkt man an vielen Stellen an der weinkennerartigen Ausdrucksweise. Die Angaben zum Kochen oder Backen der wild gesammelten „Beute“ sind meistens eher relativ als absolut, was für ‚Anfänger‘ ein Problem darstellen könnte, aber vermutlich ist das Buch ohnehin nicht für diese Zielgruppe gedacht.

Auf die Gefahren beim Wildgewächssammeln wird mehrfach hingewiesen, im Vorwort ebenso wie in den Vorworten zu den einzelnen biologischen Gruppen. Hier wird auf Autoabgase und Insektizide ebenso eingegangen wie auf giftige Pflanzen oder Pilze, aber leider wird nirgendwo das Wort „Bandwurm“ auch nur erwähnt, obwohl diese Würmer bei Walderdbeeren oder wild gewachsenen Him-, Brom- und Johannisbeeren eine erhebliche Gefahrenquelle darstellen. Für die Pilze hält Mabey ein regelrechtes Plädoyer gegen den schlechten Ruf „einer ganzen biologischen Gruppe“, zählt aber dann seriöserweise doch jede Menge von Dingen auf, die man beim Pilzesammeln falsch machen kann. Die Pilze werden auch jeweils mit der giftigen Art vorgestellt, mit der man sie verwechseln könnte. Zum Schluss gibt es noch einen gezeichneten Überblick über viele Arten sowie ein Verzeichnis der Fachausdrücke, welches nur eine Seite lang ist und längst nicht alle verwendeten Fachwörter enthält.

Insgesamt ist „Essbar“ eine Kombination aus einem wunderschönen Bildband heimischer Pflanzen, Pilze und Muscheln, einem Appetitanreger auf ungewöhnliche Speisen aus selbst gesammelten Zutaten und einem Lustmacher darauf, sich wieder mehr mit dem Essen zu beschäftigen. Spaß beim Lesen macht es auch noch, und trotz kleiner Mängel ist „Essbar“ für Interessierte eine klare Leseempfehlung.

 

Richard Mabey:

"Essbar“

Haupt Verlag 2013

464 Seiten, Euro 39,90
ISBN 978-3258077604

 

Hoch

 

 

 

Mord, Totschlag und andere kriminelle Unweihnachtlichkeiten

Karen Rose, Markus Heitz, Daniel Holbe u.a.: „Den nächsten, der Frohe Weihnachten zu mir sagt, bringe ich um“

Von Anne Spitzner


Dass an Weihnachten überall auf der Welt die Verbrechensraten ansteigen, ist mittlerweile wohl allseits bekannt. Für alle, die alle Jahre wieder Schwierigkeiten haben, in die richtige Festtagsstimmung zu kommen, hat Droemer jetzt eine Sammlung an unweihnachtlich-weihnachtlichen Kurzthrillern herausgebracht, die folgenden verheißungsvollen Titel trägt: „Den nächsten, der Frohe Weihnachten zu mir sagt, bringe ich um“. Und so geht es denn auch in den zwölf Geschichten um Mord, Totschlag und andere kriminelle Unweihnachtlichkeiten, die dem Leser von vielen, die Rang und Namen in der Thrillerszene haben, serviert werden.
Den Anfang macht Petra Busch mit ihrer traurig-spannenden Geschichte „Nur ein Schneehase“, in der die Auflösung bereits auf den ersten Seiten durchscheint und die am Ende keine große Überraschung mehr parat hat.
Daniel Holbe erzählt in „Wer braucht schon Josef?“ eine moderne Version der Weihnachtsgeschichte, in der Josef alias Jo von Maria alias Marylie herumkommandiert wird und die beiden ein Kind, das von einem anderen Mann stammt, als Mittel zu schnellem Reichtum einsetzen. Mit Witz, Liebe zum Detail und einem unerwarteten Twist am Ende serviert Holbe hier eine Thriller-Weihnachtsgans vom Feinsten.
Es folgt Sven Koch mit dem blutigsten Thriller bislang. Hinter dem unscheinbaren Namen „Stille Nacht“ verbirgt sich die Jagd eines Profilers und mehrerer Polizisten nach einem Serienmörder mit dem Namen „Santa“, der jährlich zu Weihnachten eine Familie umbringt und dieses Jahr unbedingt gefasst werden soll. Wenn auch der Rest der Geschichte ein wenig blass bleibt und hauptsächlich an amerikanische Krimiserien erinnert: Hier erwartet den Leser ein ungeahntes Ende…
„Wintermärchen“ von Alex Berg erzählt die Geschichte von Manu, die sich den Frust bei der Arbeit von der Seele laufen will und dabei unversehens in ein Abenteuer gerät, das Wildschweine, lang verloren geglaubte Kindheitsfreunde und Irrwege im Wald beinhaltet. Und wie sich das für Märchen gehört, gibt es hier sogar ein Happy End – was der Spannung auf dem Weg dorthin allerdings keinen Abbruch tut.
In Karen Roses Winterthriller „Schsch!“, der vor allem durch seine Figuren besticht, die trotz der knappen Seitenzahl viel Tiefe haben, geht es um einen Doppelmord aus Habgier, eine reiche russische Familie und eine gütige Krankenschwester, die nicht ist, was sie zu sein scheint. Die Story verläuft ähnlich wie erwartet, aber es sind die Protagonisten, die hängen bleiben.
„Das kalte Licht“ von Simone Buchholz sticht hervor wie eine Osterkerze auf dem Adventskranz. Es ist das Tagebuch einer Motelbetreiberin, aber was sich in diesem Motel abspielt, soll hier unerwähnt bleiben. Es würde jedem Leser den ganzen Spaß verderben… Ganz klar einer meiner Favoriten!
„Das Gift der Welt“ von Heinrich Steinfest ist ebenfalls fantastisch angehaucht. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der durch eine unerwartete Begegnung alles in Frage stellt, was er bisher für richtig hielt, und eines Handschuhs, der eine unglaubliche Fähigkeit enthüllt, wenn man ihn überstreift. Auch hier bleibe ich bewusst vage; das Geheimnis dieses Handschuhs sollte jeder selbst entdecken.
Zoë Becks Geschichte „Rot wie Schnee“ erzählt von einem missverstandenen Teenager, der mit Selbstmord droht, um die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu bekommen – und feststellen muss, dass es noch andere missverstandene Teenager in seinem Umfeld gibt. Die trotzige und realistische Geschichte ist, denkt man an all die Familientragödien, die regelmäßig an Weihnachten stattfinden, vielleicht die weihnachtlichste von allen.
Auch in Markus Stromiedels „Winterschlaf“ geht es um einen Serienmörder, der aus einer Anstalt ausgebrochen ist und jetzt in seinem alten Heimatort sein Unwesen treibt. Der Polizist, der ihn fassen soll, hat eine ganz besondere Beziehung zu diesem Fall, denn es ist auch SEIN Heimatort, und es war sein Vater, der damals umgebracht wurde. Mit einigen geschickt eingestreuten Passagen stiftet Stromiedel so viel Verwirrung, dass das Ende fast völlig unerwartet kommt.
„Die kalte Spur des Vergessens“ von Frank Göhre erzählt die altbekannte Geschichte eines Professors, der mit einer seiner Studentinnen schläft; lange wirkt es, als sei die Entdeckung durch seine Frau die größte Gefahr, die dem Professor droht, doch er wird feststellen müssen, dass dem nicht so ist. Das Ende kommt überraschend, nicht nur schnell, sondern auch etwas konstruiert daher.
Claudio M. Mancini liefert in „Weiß wie Schnee“ einen Einblick in die Welt der Finanzhaie. Ein klischeehaft seine hübsche Sekretärin begehrender Boss, steuerhinterziehende Topmanager und ein als Geschäftsreise getarnter Liebesurlaub bekommen plötzlich ein ganz anderes Gesicht… Großartig, wie Mancini nach und nach das Bewusstsein für die Gefahr aufbaut, bevor sie dann tatsächlich existent wird. Das Ende dagegen ist noch großartiger – zwar kriminell, aber trotzdem schwingt ein klein wenig Weihnachten darin mit…
Markus Heitz „Weihnachtsmarkt“ schließlich spielt im Dörfchen Sankt Nikolaus, wo der Großindustrielle Herbert Nonnenmacher wohnt, der gerade, kurz vor Weihnachten, hundert Arbeiter aus seinen Betrieben entlassen hat und jetzt ganz gemütlich auf den Weihnachtsmarkt geht, um dort Glühwein zu trinken und Bratwurst zu essen. Dass das nicht ungesühnt bleiben wird, dürfte von Anfang an klar sein… wie Heitz diese Sühne allerdings hinbiegt, ist ein wahres Lesefest. Er schafft ein fantastisches Ambiente, um es zum Schluss mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit wieder aufzuklären, und „Weihnachten war gerettet“. Eine der besten Geschichten rundet das Buch ab.
Sei es Zoë Beck, die zu Weihnachten die schlechtesten Seiten an Menschen hervorbrechen lässt oder Simone Buchholz‘ herrlich schräge Mischung aus Horror und Fantasy „Das kalte Licht“ – unter dem Motto „Leise tröpfelt das Blut“ tun sich Abgründe auf. In jeder einzelnen Geschichte beißt man sich fest; damit man länger etwas davon hat, bietet es sich an, die zwölf Thriller auf eine Art makabren Adventskalender aufzuteilen und bis Heiligabend jeden zweiten Tag einen zu lesen. So kann man bestimmt alle Jahre wieder angenehm schaudern und Fingernägel knabbern. Dabei, in Weihnachtsstimmung zu kommen, hilft es zwar nicht gerade – aber das ist ja auch nicht das Ziel.

 

 

Karen Rose, Markus Heitz, Daniel Holbe u.a.:

„Den nächsten, der Frohe Weihnachten zu mir sagt, bringe ich um“

Droemer 2013

400 Seiten, Euro 14,99

ISBN: 978-3426199862

 

Hoch

 

 

 

Vomitus Tolerantiae

Richard Schuberth: „Wie Branka sich nach oben putzte“

Von Daniel Ableev

 

„Wie Branka sich nach oben putzte“ ist ein interessantes und witziges, mit „Jugo“-Herz (und -Blut?) kenntnisreich geschriebenes Stück. Die ausführlichen, fast romanhaften Regieanweisungen unterstreichen dabei die epische Natur des Textes. Darin treffen zwei Welten aufeinander, nämlich die der außerordentlich aufgeräumten und leicht vergeistigten Magistra Moser und ihrer neuen Putzfrau Branka aus Serbien, oder Slowenien oder Slawien oder so. Dabei geht es aufrichtig, vulgär, knallhart zur Sache. Magistra Moser will dem slawischen Fräulein, das nicht intellektuell, aber klug zu sein scheint, möglichst korrekt begegnen (vgl. Charles Lewinskys „Ein ganz gewöhnlicher Jude“), wobei der Migrationshintergrund in den Vordergrund rückt (vgl. Abdelkarim). Dabei biedert sich Moser immer wieder an, während No-Bullshit-Branka mit ihrem unzensierten Mundwerk verbal kräftig zuzukloppen weiß. Zwischendurch gibt es Wahnvisionen von einem glatzköpfigen Waschmittelmaskottchen namens Captain Clean, das nicht nur stark an Meister Propper erinnert, sondern auch Vergewaltigungsphantasien befeuert. Man merkt schnell, dass eine ausgeprägte Sauberkeitsmacke das geringste Problem der durch und durchgeknallten, unter anderem mit ihren Möbeln konversierenden Moser ist. Zumal im dritten Akt eine Leiche mittels Säge „dekonstruiert“ werden muss. Wobei Frau Magistra eigentlich nicht unsympathisch ist, immerhin will sie, dass Branka nicht mit dem umweltfeindlichen „Captain Clean“-Zeugs putzt, sondern ökologische Alternativmittel verwendet.

 

Am besten wird die Problematik des jovialen Mitleidens mit dem Fremden, des Vorschlaghammerverstehens des Anderen, der erdrückenden Toleranz um jeden Preis von Branka selbst auf den Punkt gebracht: „Auch wenn ihr uns als Forschungsobjekte in eure Doktorarbeiten einsperrt, wir entwischen ihnen und dann verfolgen wir euch. […] Am allerekelhaftesten aber ist euer beschissenes Mitleid, das uns zeigen soll, wie hoch die Etage ist, von der ihr euer Verständnis auf uns runterkotzt. Jedes Mal, wenn ich dieses Mitleid in euren Blicken sehe, möchte ich euch eure Risottotöpfe in die Visage dreschen. Und dann der geile Kulturvermessungsblick. Wow, super, Branka, wow super, echt leiwand, Branka. […] Der kulturgeile Blick, mit dem ihr Strichlinien auf unsere Körper zeichnet wie der Sau. […] Du glaubst, uns hat beide das Leben gefickt? Wo ist die Hornhaut zwischen deinen Beinen? Deine Probleme könnt’ ich als Gleitcreme verwenden, damit die richtigen nicht mehr so weh tun.“

 

Leider stellen sich gewisse Ermüdungserscheinungen ein, als man sich dem zweiten Akt nähert – nichts für ungut, aber aufgrund der Dichtigkeit weicht das Unterhaltsame allmählich dem Anstrengenden und die Farce der Force – das ganze Multigekulti wird auf Dauer doch etwas ermüdend.

 

Richard Schuberth:

„Wie Branka sich nach oben putzte“

Drava 2012

115 Seiten, Euro 16,80

ISBN: 978-3854356844

 

Hoch

 

 

 

Verbündete

Heinrich von Tiedemann: "Unter Herbstblüten"

Von Susan Müller

 

Georg Werry sucht nach einem sehr bewegten Leben einen angemessenen Altersruhesitz. Als Diplomat ist er weit herumgekommen und seine eigene Geschichte birgt viele Höhepunkte der guten und auch weniger guten Art.

So wird ihm unterstellt, am Tod seiner Frau nicht unschuldig zu sein, um den Weg frei zu haben für seine Geliebte. Das kostet Ansehen und Beruf.

Im nordischen Helenenwald findet er diversen Anschluss und die Liebe. Der amerikanische Besitzer Baker übergibt die Geschäfte an seinen Sohn und der findet im Zivildienstleistenden Marc einen Verbündeten. Beide wollen „Leben in die Bude“ bringen, sind sie selbst ja noch jung an Jahren.

Von Tiedemann wechselt zwischen ernsten und heiteren Episoden. Der Autor, selbst einst Diplomat, hat den Anspruch, das Zusammenleben zwischen Jung und Alt neue Dimensionen zu eröffnen. Er erfüllt ihn perfekt.

Durch den Wechsel Vergangenheit, Gegenwart und einem Ausblick in die Zukunft bleibt der Leser gefragt, auch immer wieder mit umzudenken. "Unter Herbstblüten" ist ein gut gewählter Titel, denn hiermit ist keinesfalls nur eine Jahreszeit in der Natur gemeint, sondern auch das fortgeschrittene Lebensalter der erfahrenen, aber kregen Helenenwaldbewohner.

 

Heinrich von Tiedemann:

"Unter Herbstblüten: Ein Roman"

284 Seiten, Euro 17,90

Books on Demand

ISBN 978-3842328945

 

Hoch

 

 

Lockerungsübung

Russell H. Greenan: "In Boston?"

Von Tobias Hofer

 

„In Boston“ ist kein vergessener Klassiker. Er ist Ende der sechziger Jahre erschienen, und da passte er genau in die Zeit. Greenan, Amerikaner mit dem Traditionstick, in Europa als Schriftstellertourist sein Werk zu verfassen (bei ihm war es Nizza), hat denselben Ton, den man heute immer noch bewundernswert locker findet. Greenan ist 1925 in New York geboren, und da lebt er heute, 12 Romane nach „In Boston?“, immer noch. Er hatte verschiedene Jobs, bis er das Geld in der Tasche hatte, um sich mit Frau und Kindern nach Europa einzuschiffen. Zurück kam er mit dem Buch „In Boston?“ in der Hand und damit als gemachter Schriftsteller.

Bei allem Zeittypischen dieses Riesenerfolgs hat „In Boston?“ noch heute etwas sehr sehr Anziehendes: Die Sprache Greeanans ist ehrlich und eins mit den Figuren im Roman. Durch die Neuübersetzung (von 2007) ist das jetzt auch für Leser, die „1968“ als graue Vorzeit vor ihrer Zeit sehen, zu entdecken. Es lohnt sich! Die Hauptperson, ein Maler namens Alfred Omega, der heillos altmodisch malt, kann sich zurückversetzen in frühere Kulturepochen. Zum Beispiel zu den Medicis. Irgendwann entdeckt ein Kunsthändler diese Fähigkeit und kommt auf eine Idee, wie man daraus Kapital schlagen kann. Der arme Alfred allerdings muss sich auf seinen Reisen mit krimiverdächtigen Ereignissen herumschlagen.

Greenan ist nicht sehr heikel, was seine Szenarien betrifft. Da macht er sich nicht verrückt, dass das alles passen muss, dass da alle Details histo-echt sein müssen. Er steht sich nie selbst im Weg, sein Buch kann man weiterlesen, keine Stolpersteine. Am Ende war es kurzweilig und eine Lockerungsübung, wie man sie immer mal wieder verdammt gut gebrauchen kann.

 

Russell H. Greenan:

"In Boston?"

400 Seiten, Euro 9,90

Diogenes Verlag

ISBN: 978-3257239683

 

Hoch

 

 

Gewollt verkorkst

Markus Dzebro: „Dorian“

Von Bettina Meinzinger

 

„Dorian“ ist eine Sammlung von Postkarten. Schreibmaschinengetippt landen sie im Briefkasten von Markus Dzebro. Poststempel: New York.

Dzebros Roman tritt eine Assoziationskette im Hirn los: von William S. Burroughs' Schreibmaschine zu Bret Eatso Ellis' „American Psycho“. Der Protagonist, der nachnamslose Dorian, nennt seine Olympus Simplex, auf der er ein Jahr lang, oft aphorismenhafte Botschaften ausspeit, Sybil – Sybille, in der Mythologie eine Prophetin, eine Seherin, die in Rätseln spricht. Einer Erzählung nach wird ihr von Apoll ein 1000 Jahre währendes Leben versprochen. Allerdings vergisst sie, sich auch die ewige Jugend geben zu lassen und endet allein und zusammengeschrumpft, in einer von einer Höhlendecke hängenden Flasche lebend. Ihr einziger Wunsch ist es nun zu sterben. Oscar Wildes „Dorian Gray“ tauschte seine Seele gegen Jugend und Schönheit, auch er endet, wie Sybille, mit verblühtem runzeligen Antlitz, und Messer im Herzen, in seinem Dachboden.

(Andere Querverweise führen zu Charles Bukowski, dem dirty old man oder zum „Immortal Game“, eine der bekanntesten Schachpartien überhaupt zwischen Adolf Anderssen und Lionel Kieseritzky -  wer sucht, findet sicher noch mehr)

Auch Dzebro erzählt die Geschichte eines Niedergangs. New York ist bei ihm die komprimierte Zusammenballung von allem Verkommenen. Die Zeitungsnachricht, die man besser nicht gelesen hätte, das Blut, das von der Zimmerdecke tropft. Die Moral ist abwesend. Die Seiten von Dzebros Roman atmen Sperma, Schnaps und abgestandenen Schweiß.

Dorian zieht, wie zwei Jahrzehnte vor ihm Patrick Bateman, Obdachlose und Prostituierte mordend, durch die Stadt, tagsüber sitzt er im teurem Anzug im Büro mit Panoramablick, bevor er in einem billigem Hotelzimmer Abschied von sich und der Welt nimmt. Vielleicht findet das alles aber auch nur in Dorians Kopf statt.

Bret Easton Ellis rechnete damals mit der Kälte und Glätte einer neoliberalen Gesellschaft ab, die in den dunklen Straßenschluchten der Wall Street ihre adäquate Heimstätte fand. Dzerbos Postkartennachrichten hinterlassen leider keinen bleibenden Eindruck. Sie wirken gewollt böse und verkorkst, das wirklich Kaputte, Rücksichtslose und Intensive geht ihnen allerdings ab.

In seinem Vorwort zu Dorian Gray schreibt Oscar Wilde: „There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.“

Warum also Dzerbo lesen, wenn man auch zu Burroughs, Ellis oder Bukowski greifen kann?

 

Dorian: Ein Scheitern in Postkarten

Broschiert,172 S.

Asphalt & Anders 2010

ISBN-13: 978-3941639041

EUR 12,90

 

Hoch

 

 

„Jeder der wat is, der war vorher wat anderes.“ Plaschke

Steven Uhly: „Mein Leben in Aspik“ 

Die Memoiren eines steinreichen netten inzestuösen bigamistischen und zeitweise obdachlosen Zuhälters 

Von Iris Kersten

 

Sind Sie sicher, dass Ihre Eltern Ihre Eltern und Ihre Geschwister wirklich nur Ihre Geschwister sind und nicht vielleicht gleichzeitig noch Onkel, Tanten oder Cousins beziehungsweise Cousinen? Nach diesem Buch werden Sie alles in Frage stellen.

In seinem Debütroman „Mein Leben in Aspik“ überschreitet der Literaturwissenschaftler Steven Uhly alle Grenzen von Gesellschaftsnormen und Tabus. Er schafft einen grotesken Roman mit geballtem Chaos und unendlichen Übertreibungen über eine inzestuöse Familie. Und immer, wenn Sie meinen, schlimmer kann es nicht werden, lassen Sie es sich gesagt sein: „Doch, es geht noch schlimmer!“ Aber nach etwa hundert Seiten wird auch Sie nichts mehr überraschen. Manchmal bekommt man zwar das Gefühl, einen Knoten im Kopf zu haben, der kann jedoch bei nochmaligem Lesen wieder gelöst werden.

Rasant und anscheinend ohne jemals Luft zu holen, schildert der Autor und Erzähler Steven Uhly auf der Suche nach der Wahrheit seiner Familiengeschichte einen Rückblick auf sein fiktives Leben, in dem die Vergangenheit die Gegenwart wieder einholt. Und dabei ist es so, als wenn der Autor versuchte, all das Absurde und Undenkbare, das vielleicht zehn Menschen im Leben widerfahren könnte in dem Leben einer einzigen Person unterzubringen. Und es gelingt ihm tatsächlich. Gekonnt und voller Ironie präsentiert er all diese zufälligen Verstrickungen so, dass es zumindest einem logischem Ablauf folgt. Um Glaubwürdigkeit geht es hier nicht mehr.

Der Erzähler ist das Ergebnis von Dreharbeiten für einen Pornofilm, in dem seine Mutter und sein Vater die Hauptrollen spielten. Seine noch minderjährige Schwester Natascha, die beim Vater lebt, ist die Tochter seines Vaters und seiner Großmutter und folglich auch seine Tante. Sie wurde ebenfalls vor der Kamera gezeugt. Nachdem er nun auf der Suche nach der Wahrheit zu seinem Vater gefahren ist und dabei seine Halbschwester kennen gelernt hat, verliebt er sich in sie und schwängert sie (ihre Küsse lassen ihn Visionen aus der Vergangenheit sehen – viele davon sind wahr). Aber vielleicht ist es auch das Kind ihres gemeinsamen Vaters, da auch der ein Verhältnis mit Natascha hat.

Bei einem Familienessen schwängert nun der Erzähler, der übrigens gewöhnlich bei zu viel unverkraftbaren Wahrheiten in Ohnmacht fällt, auf ungewöhnliche Art auch noch seine Großmutter (diese schiebt das Kind ihrem 30 Jahre jüngeren Freund unter) und die indische Freundin seines Vaters (der hatte es sowieso auf ihre Mutter abgesehen) und wird somit auf einen Schlag dreifacher Vater, heiratet aber nur die beiden jungen Frauen.

Und so weiter und so weiter. Ereignis folgt auf Ereignis, so dass der steinreiche nette inzestuöse bigamistische und zeitweise obdachlose Zuhälter sich letztendlich mit Erfrierungen im Krankenhaus wiederfindet und als Steven Uhly ausgibt. Ständig gibt es neue inhaltliche Ent- und Verwicklungen. Angefangen in den 60er Jahren, endet der Roman im Heute. Wer es bis zum Schluss ausgehalten hat, den wundert es nicht: die inzestuösen Vorlieben scheinen an die Nachkommen vererbt worden zu sein.

Sein schwuler Freund Matthias, ein Autor, benutzt bezeichnende Worte für seinen neuesten Text: „Es gehe […] um ein Wollen, das sich nicht Bahn brechen könne, weil die Erinnerung es an ein Ereignis gekettet habe, das sich wie eine zur Dichtung verdichtete Spirale um den als Linie gedachten Lebensweg des Trägers des Wollens […] rankte.“

Wunderbar! Hier hat der Autor (nicht der Erzähler) Steven Uhly seinen Roman selbst beschrieben, denn genau so liest er sich: eine zur Dichtung verdichtete Spirale....Matthias' These ist, dass der Mensch nicht einer sei, sondern auch alle, die vor ihm gelebt haben. Das könnte zumindest die Visionen des Erzählers erklären.

Nachdem allen (Erzähler wie Leser) klar geworden ist, dass es hier nirgendwo um Liebe, sondern nur um das Begehren und den Sex an sich geht, bleibt letztendlich die eine, für Steven alles entscheidende Frage an seinen wirklichen Großvater, ein Nazi der schlimmsten Sorte (denn schließlich ist der Enkel ja all seine Vorfahren zusammen), die Frage, ob Opa Oma wirklich geliebt habe?

Der Leser ahnt es schon: Natürlich nicht. Und so greift Steven Uhly, der Erzähler, zu dem einzigen Strohhalm, der ihm noch bleibt, um sich endlich von all den Täuschungen und Lügen zu befreien: zu Tinte und Papier. Doch noch zögert er, dass Memorandum der Nachwelt zu hinterlassen, denn erstens geht das Leben ja noch weiter und zweitens: vielleicht glaubt ihm ja niemand...

Steven Uhlys Debüt „Mein Leben in Aspik“, von Kritikern hoch gelobt, ist dennoch – wie wohl jedes Buch – Geschmackssache. Wer diese Odyssee verkraftet, wird lachen aus vollem Hals, wer aber der Ironie des Lebens von Steven Uhly nicht gewachsen ist, schließt das Buch spätestens dann, wenn der Erzähler seine nach Urin riechende Großmutter unter dem Tisch sitzend per Cunnilingus bearbeitet, sie dabei durch ein handgemachtes Geschenk schwängert und ihm, dem Leser, das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Steven Uhly: „Mein Leben in Aspik“

Secession Verlag für Literatur 2010

264 Seiten, 20,95 Euro

ISBN: 978-3905951004

 

Hoch

 

 

Schöne, lyrische Sprache

Vincent E. Noel: wem wenig vergeben wird (darf fressen mein herz)

Von Bettina Meinzinger

 

Die Welt in Vincent E. Noels Text „wem wenig vergeben wird (darf fressen mein herz)“ ist eine von Grund auf Verdorbene. Seine Figuren bewegen sich durch ein Szenario aus Gestank, Hässlichkeit und Farblosigkeit. Magie, Aberglaube und Antisemitismus bestimmen den Alltag der Menschen.

Wir befinden uns im Istrien des 14. Jahrhunderts. Ein (fiktiver) Autor schreibt, mit Papier und Bleistift nachts an seinem Schreibtisch sitzend, an der Geschichte seiner Protagonisten.

Unter anderen ein Bibliothekar, die Schwestern Julija und Isaweta und die an der Dekadenz und Leere ihres eigenen Daseins zugrunde gehende Patrizierin Agnes werden in eine durch Inzest, Mord und Pest vergiftete Existenz geworfen.

Sie alle scheinen seltsam passiv ihrem Schicksal ausgeliefert zu sein, haben der Eintönigkeit und Schrecklichkeit des Lebens nichts entgegenzusetzen.

Die Farbtupfer („ungezählte Mohnblüten in Rot und Grün“), die zu Anfang noch sporadisch aufblitzen, verschwinden langsam, was bleibt ist ein alles vereinnahmendes Grau.

Nimmt man Noels Buch das erste Mal zur Hand, ahnt man eigentlich nichts Gutes. Was hat sich der Verlag nur bei dieser schrecklichen Covergestaltung in beige, grün und orange gedacht, fragt man sich. Blättert man um, erfährt man, dass es sich dabei um eine Zeichnung Vincent E. Noels (ist das eigentlich ein Künstlername oder heißt man in Brandenburg, wo der Autor geboren wurde, tatsächlich so?) mit dem Titel „la nature ne trait pas les femmes très démocratiques“ handelt.

Fängt man dann an zu lesen, ist man aber doch überrascht von der oft schönen, irgendwie spröden lyrischen Sprache Noels, die den Leser behände von Seite zu Seite trägt, ohne je zu prätentiös zu werden. Die Bilder, die Noel mit Worten malt, sind jedenfalls denen vorzuziehen, die er mit Farbstift und Papier malt.

 

Vincent E. Noel: „wem wenig vergeben wird (darf fressen mein herz)"

Wiesenburg 2010

99 S., Euro 12,00

ISBN 978-3942063319

 

Die Rezensentin ist Amerikanistin und lebt als Literaturkritikerin in Berlin.

 

Hoch

 

 

Antike gegen Burn-Out

Georg Bosold: "Griechische Sagengestalten", "Griechische Götter und Sagengestalten systematisch"

Von Urs Nägeli

 

Auf Nützlichkeit hin konditionierte Schüler und Studenten werden zu armen, eindimensionalen Wasserträgern – ihr Maximalberuf. Alle anderen haben bessere Karten. Wer über den ganzen Hassel vergessen hat, wofür man sich mal interessieren kann: Griechische Sagen! Um dem ganzen einen richtigen Kick zu geben jenseits von schalem Schulgeschmack, dafür gibt es zwei Bücher, die sich echt lohnen. Das Mittel gegen Burn-out im Kopf. „Griechische Götter und Sagengestalten. Systematisch“ und „Griechische Sagengestalten“ von Georg Bosold beinhaltet eine Auflistung aller wichtigen Figuren, ihren Taten, ihrem Schicksal, in der Länge von Lexikoneinträgen. Man erholt sich zusehends, die Ideen kehren zurück, und man beginnt, sich in etwas ganz anderem auszukennen. Der Einzug der antiken Haudegen in das mitteleuropäische Leben der Gejagten bringt Impulse. Und das –nicht ganz nebenbei anzumerken - gut verständlich und sehr kompetent.

 

Georg Bosold:

"Griechische Sagengestalten mit den Quellen bei Hesiod, Homer und Apollodor"

Verlag weiterbilden 2007

160 S., Euro 9,90

ISBN 978-3939989004

 

Georg Bosold:

"Griechische Götter und Sagengestalten systematisch"

Verlag weiterbilden 2007

230 S., Euro 9,90

ISBN 978-3-939989103

 

Hoch

 

 

Der gejagte Jäger

Ulrich Schlotmann legt mit „Die Freuden der Jagd“ einem epochalen Textteppich vor

Von Jule D. Körber

 

I. Wer hier die erste „klassische“ Literaturkritik zu Ulrich Schlotmanns „Die Freuden der Jagd“ erwartet, wird enttäuscht werden. Diese Aufgabe gleicht der Quadratur des Kreises.

 

II. Es ist Winter 2009, der Münchner Club Registratur hat einen DJ aus London eingeflogen, die VJs werfen weiße Texte in den schwarzen Raum, auf schwarze Wände, auf zu Housemusik tanzende Menschen, die weißen Buchstaben, die einzige Lichtquelle, es sind Gedichte, es sind Kurzprosafragmente, lesbar auf tanzenden Körpern, die Schicht um Schicht vom Videojockey verwinkelt übereinander gelegt – projiziert – werden; schon nach der zweiten Schicht nicht mehr richtig lesbar, Text auf Text, im Beat, es wird heller und heller, bei der zehnten Lage ist es einen kurzen Augenblick taghell, und alles wird klar, nur einen Moment, um dann wieder von vorne zu beginnen.

An solch einen Ort gehört „Die Freuden der Jagd“ von Ulrich Schlotmann, projiziert auf tanzende Körper, lesbar im Rausch des Moments.

 

III. Der Plot ist schlicht, wenn nicht gar klassisch.

 

Der Mann der in den Wald (hinein)geht hat seinen Ehegespons – [...] – die (nun) folgende/mehr oder weniger – unwahre Geschichte aufgetischt: er gehe – „(nur mal) eben – um die Ecke, (um) Zigaretten (zu) holen“ – lediglich – (einige) wenige -  Minuten benötige er (dazu) – „dann: bin ich (wieder) zurück – [...] Er habe – eigenen Angaben zufolge (schon) damals – „(schon) in der – (ganz) konkreten – Situation“  - geahnt/wo nicht (sogar): (definitiv) gewusst – „dass sie wusste, dass ich wusste, dass sie wusste – [...] mehr als hanebüchen /(komplett) an den Haaren herbeigezogenen Behauptung anlog“ – sei er doch – „zu dem – in Frage stehenden – Zeitpunkt“ – (schon) seit Jahren/&Jahrzehnten – „eigentlich: immer (schon)“ – ein – (nahezu) fanatischer – Nichtraucher – [...] Doch sei ihm – „auf die Schnelle“ – (einfach) nichts Besseres eingefallen. Es habe ja (dann) auch noch prima geklappt – „im Endeffekt.“ 

 

Ein Mann geht in den Wald, verlässt das bürgerliche Leben und flüchtet vor der für ihn überkomplexen Welt und

 

(...) erkennt in dem Spiegel eines Waldsees sich (selbst), sein Gesicht, wie es – „(tief) über den Weiher gebeugt“ – in diesen (hinein)blickt – und: (scheinbar) bis auf den Grund sieht.“  

 

Der Weg im und durch den Wald wird eine Odyssee. Er trifft auf fundamentalistische Wahrheiten, mythische Gefahren und vor allem auf die Abgründe seiner eigener Seele. Schnell erscheint ihm die Welt im Wald noch viel fragmentierter  und zer/ver/störender als jene, vor der er geflüchtet ist.

 

IV. Es ist 1999, als der Film „Blair Witch Projekt“ in die Kinos kommt. Drei Studenten gehen in den Wald, mit Handkamera „bewaffnet“, auf der Suche nach der Hexe von Blair. Sie verirren sich und begegnen nicht beweisbarem Horror, die Handkamera filmt die Jagd der Gejagten aus Protagonisten-Perspektive, die Regie fingiert authentisches Material.

Würde „Die Freuden der Jagd“ für Hollywood verfilmt werden, es sollten die Regisseure vom „Blair Witch Projekt“, Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, gefragt werden, ob sie das übernehmen würden.

 

V. Es ist Sommer 2001 als Ulrich Schlotmann mit ersten Fragmenten von „Die Freunden der Jagd“ in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis antritt – und die Jury spaltet in harsche Ablehner und begeisterte Fürsprecher. Mehr als 10 Jahre dauert die Fertigstellung seines 1096 Seiten schweren Opus Magnus, das mehr Textkörper, mehr Wortteppich ist als Prosawerk.

 

VI. 1997 erscheint Katharina Francks Album „Hunger“, fünf Jahre später „Zeitlupenkino“. Ein sprachlicher Singsang, mal rennend gesprochen, mal zögerlich geflüstert, auf den Beat, gegen den Beat, aus „form follows function“ wird bei Katharina Franck „sound & beat follows words & content“. Das geht Hand in Hand, Katharina Franck macht Popsoundtextgebilde, die wohl ohne ihren Beat nicht mal ansatzweise solch eine Eindringlichkeit entwickeln würden.

Wollte man nun versuchen, Katharina Francks Texte als gedruckte Prosa in der selben Vielschichtigkeit wie die „Songs“ lesbar zu machen, so würde man wohl die „Taktik“ von Schlotmann anwenden; sein Sound und sein Beat sind Interpunktionen, sind Unterstreichungen, sind Klammern, sind Kursivsetzungen, sind Fettungen. Wie die Protagonistinnen aus Francks Soundtextgebilden rennt auch Schlotmanns Protagonist, dreht jedes Wort dreimal, untersucht es auf seine Bedeutung; jeder Satz wird mehrmals gesagt, wieder zurückgenommen, um mit einer noch stärkeren Betonung und noch stärkeren Zweifeln gleichzeitig wieder nach vorne zu preschen.

 

VII. Der Dramatiker und Regisseur René Pollesch wurde lange Zeit vom etablierten Publikum verkannt. Sein ästhetischer Ansatz, sein Umgang mit Text war für einen Großteil der Stadttheaterbesucher so ungewohnt, dass er nicht missverstanden wurde, nein, er wurde gar nicht verstanden.

Inzwischen inszeniert er an fast allen großen Häusern, er hat eine Bresche geschlagen für das postdramatische Regietheater und gemeinsam mit anderen ein neues Verständnis für einen Bühnentext, jenseits des hermetischen Plots und diesseits der Verhandlungen von Themen und Topoi ohne festgeschriebene Handlung. 

Vor allem in seinen ersten Inszenierungen ging es darum, den Sprechvorgang körperlich zu machen. Er ließ seine Schauspieler die Texte so schnell sprechen, dass das Sprechen selbst eine körperliche Anstrengung wurde und die Bedeutung der Wörter dahinter teils verschwimmt und teils stärker in den Vordergrund tritt.

Inszenierte man Schlotmanns „Die Freuden der Jagd“ auf einer Theaterbühne, so sollte René Pollesch Regie führen. Ähnlich wie Pollesch hangelt auch Schlotmann sich an existentiellen Topoi – Beispiele wären Frausein, Mannsein, Einsamkeit, das Tierische im Mensch, der gejagte Jäger – entlang mit Wortkaskaden, die jede Option der inhaltlichen Verhandlung abdecken. Der Lesevorgang nimmt aufgrund des Textsatzes einen hypnotisierenden Rausch an, ähnlich der Körperlichkeit des Textes bei Polleschs Schauspielern.

 

VIII. Urs Engeler Editor ist ein Ein-Mann-Verlag, dort, wo sich der Verleger Urs Engeler gerade befindet, hat auch der Verlag seinen Sitz. Das Programm ist kompromisslos sperrig und jenseits des Mainstreams – experimentelle Literatur, poetologisch-literaturwissenschaftliche Texte und Lyrik von Debütanten und Alteingesessenen treffen in schlichter Gestaltung aufeinander. Bücher, die sich der Verlag leisten kann, weil ein poesiebegeisterter schwäbischer Zahnarzt die Herstellungskosten übernimmt. Engeler kann es sich dank der Karies anderer Leute leisten, die Marktgesetze nicht zu beachten.

Vieles spricht dafür, dass Schlotmanns „Die Freuden der Jagd“ nicht ausschließlich gedruckt zwischen Buchdeckel gehört; dass es den Weg dorthin überhaupt geschafft hat, ist Urs Engeler zu verdanken, denn an die Publikation solch eines verrätselten Textkolosses hätte sich wohl kaum ein anderer Verlag gewagt. Und vielleicht schafft der ambitionierte Verleger es zusammen mit seinem Autor darüber hinaus noch, andere Wege mit diesem Werk zu beschreiten. 

 

Ulrich Schlotmann:

"Die Freuden der Jagd"

Urs Engeler Verlag 2009

1096 S., Euro 38,00

ISBN 978-3-938767-71-9

 

Hoch

 

 

Sich verschlucken

Gion Mathias Cavelty: Die Andouilette oder Etwas Ähnliches wie die göttliche Komödie

Von Susan Müller

 

Als erstes gehört man gleich mal ganz nah zusammen. Der Held des Buches und der Leser haben keine Ahnung, was die Andouillette eigentlich ist. Seite 1 nimmt alle Illusion von Sinnlichkeit, die sich dahinter verbergen könnte: Es ist eine stinkende Wurst aus Schweinsinnereien. In Lyon stellt man sowas her. Und was anderes soll bei so einem Auftakt geschehen - als dass man sich dran verschluckt, als Leser und als Held. Und da gehen die Wege auseinander; der Held erliegt der Wurst. Er stirbt.

Das kann es ja nun nicht gewesen sein. Also entweicht seine Seele und alles wäre gut. Nur die Seele, die ist hässlich, sie ist eine Art Qualle mit Rüsselchen und primitiven Motörchen.
Der Empfang im Himmel ist nicht das, was "er" sich vorstellte, insofern man davon überhaupt eine Vorstellung haben kann. Nach einigen Querelen trifft er auf den Delphin Wilberforce, der an einer göttlichen Expedition teilnehmen soll und alles andere als begeistert ist, "ihn" mitzunehmen, es zähneknirschend dann aber doch tut. Als die Mission in die unbekannten Regionen Gottes scheitert, bleibt unserem Helden die nicht geringe Aufgabe, die er verspricht zu lösen, nämlich das fehlende Stück Gottes zu finden. Viele Erlebnisse der guten und schlechten Art macht er durch, Demütigungen seitens eines "Monsters", die Verliebtheit in die Sängerin Ariane, und letzten Endes sogar das Erleben der Hölle. Durch Verhandlungsgeschick landet er wieder im Himmel, um dort zu erkennen, dass Gott sich in Form einer Lichtfrucht noch selbst fertigstellt. Seine Mission endet damit, Gott in Sicherheit zu bringen. "Über die Idee des äußersten Randes der Idee dieser ehemals großen Seife hinaus".
Erzählt wird von den Seelen, die unterschiedlicher Gestalt sind, nur immer an seine todbringende Wurst erinnern, denn die meisten Seelen sind alle "fleischgeworden".
Cavelty, 1974 geborener Schweizer Schriftsteller, schreibt sich damit, das dürfte klar geworden sein, in den (soll man sagen:) in den Parnass der Bücher, die einfach das sind, was man sich nie erträumte und nun zum Glück doch lesen darf.

 

Gion Mathias Cavelty:

"Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie"

Echtzeit Verlag 2007

144 S., Euro 23,00.-

ISBN 978-3905800265

 

Hoch

 

 

Autor in schwierigem Alter

Germar Grimsen: "Almatastr."

Von Miriam Schneider

 

Im wahren Leben scheint Germar Grimsen schüchtern zu sein. Er lässt aus dem eigenen Buch lesen, Freund Sven Regener, kein Unbekannter, übernimmt das. Das wahre Leben hat mit Büchern nicht viel zu tun. In denen ist er nicht gerade schüchtern. Er nimmt den Mund ganz schön voll und glaubt mit Versessenheit an seine Originalität. Häuser, in denen nur noch ein Mensch in einem ganzen Stockwerk wohnt, sind im Deutschland der totgeschwiegenen Immobilienüberbewertung normal. Das weiß Grimsen vielleicht nicht. Das Schulternzucken jedenfalls, wenn seine Hauptfigur, der man immerhin durch ein ganzes Buch und in seine Gedankenwelt folgen soll, allein in einer Hochhausetage lebt, das Schulternzucken des Lesers hat Grimsen wohl nicht eingeplant.

Die "Alamtastr." ist in Bremen, dort ist auch der Held, ein Anti-Held. Er ist eine innerlich zerrüttete Gestalt, hängt den ganzen Tag seinen miesen Gedanken über die bundesrepublikanische Welt nach. Wie er ist auch der Leser zurückgeworfen auf die Gedanken und damit auf das Bild, das sich der Autor über Originalität und Alltäglichkeit macht. Da ergreift nicht nur den Typ, des Überlegungsschnitzeln wir ausgesetzt sind, das Zittern. "Tibet und die baltischen Staaten find ich erbärmlich, Tibet aber erbärmlicher als die baltischen Staaten." Lesenswert daran soll die Umkehrung des common  sense sein, was bedeutet, dass der Autor ein ganz kritisches Köpfchen bezüglich des common sense ist. Das mag in manche schlichte Gemüter berühren. 

Germar Grimsen, das sei zu seiner Entschuldigung angeführt, ist in einem schwierigen Alter. Man könnte auch sagen: In einem schmierigen Alter. Er hat gerade die fünfzig überschritten, dazu gehört er dem schwierigen Geschlecht an, und dann ist er auch noch Teil dieser unglücklichen Zwischengeneration, für die es nicht mehr zum 68-er-Sein reichte. Das alles zusammen führt zu gewissen Geschmacksunsicherheiten, und so gern Autoren der Grimsen-Spezies bei jungen Lesern etwas reißen wollen, so gräßlich liegen sie, unnötig früh gealtert, daneben. Eine solche grandiose Fehleinschätzung offenbart eine Unabhängigkeit von guten Sitten. Das in ein Buch zu packen: Alle Achtung.

 

Germar Grimsen:

"Almatastr."
Verbrecher Verlag 2009
291 S., Euro 24,00.-
ISBN 978-3-940426-20-8
 

Hoch

 

     
 

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