home

impressum

die librithek

suche

 

Librithek

 
   
             

 

das literarische nachrichtenmagazin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

leitartikel

 

 

 

dunkle nacht

 

 

 

grosse liebe

 

 

 

alte meister

 

 

 

fragen an die literatur

 

 

 

guerilla

 

 

 

theke

 

 

 

böse blicke

 

 

 

drawing novel

 

 

 

filmo

 

 

 

brettspiele

 

 

 

indie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein fundiertes Werk

Stefan Ineichen, Bernhard Klausnitzer, Max Ruckstuhl: „Stadtfauna“

Von Anne Spitzner

 

 

Das Buch „Stadtfauna“, herausgegeben von Stefan Ineichen, Bernhard Klausnitzer und Max Ruckstuhl, wagt den ambitionierten Versuch, die Tierwelt unserer (also der mitteleuropäischen) Städte (im deutschsprachigen Raum) in 600 Einzelporträts abzubilden.

Dafür gibt es zunächst eine Einführung in das Thema Stadtfauna – was das überhaupt ist und wie sie sich historisch gesehen entwickelt hat. Am Beispiel von Zürich wird die Geschichte der Stadtbesiedelung durch Tiere beispielhaft nachgezeichnet.

Auf diese kurze Einführung folgen die Einzelporträts, welche die drei Herausgeber und etwa zwei Dutzend Spezialisten erstellt haben. Diese Art- oder Familienporträts sind nach Tierstämmen geordnet und enthalte jeweils ein Bild der Art bzw. einer Art aus der vorgestellten Familie. Es gibt einen kurzen Steckbrief mit Größe, Gewicht, Alter, Vorkommen etc. sowie einen erläuternden Text. Leider sind diese Steckbriefe manchmal (beispielsweise im ersten Abschnitt, „Schwämme, Moostierchen, Würmer und Bärtierchen“) auf dunklem Grund geschrieben, sodass man sie kaum lesen kann. Um die Arten einordnen zu können, sind die Steckbriefe zusätzlich noch mit kleinen Piktogrammen versehen, welche auf den Lebensraum der dargestellten Art verweisen. Einige dieser Piktogramme sind verständlicher als andere; es gibt auch eine Legende dazu, die ich selbst aber eher zufällig gefunden habe, weil sie sich noch hinter den Seiten mit der Werbung für andere Bücher versteckt. Zunächst war also bei manchen Piktogrammen großes Rätselraten angesagt, aber wenn man die Legende gefunden hat, erleichtern diese kleinen Bildchen die Zuordnung einer Art zu einem bestimmten Lebensraum ungemein.

So ergibt sich ein sehr fundiertes Werk, in dem man sicherlich zumindest die meisten Tiere oder Tiergattungen finden kann, denen man in den Städten des deutschsprachigen Raumes begegnet. Gemäß dem Grundsatz, dass man nicht alles haben kann, wird ein Laie mit wenig Vorwissen sich mit diesem Buch keinen Gefallen tun – so viel möchte ich vorweg schicken, auch, wenn ich (als Biologin) das Buch für ein gelungenes Werk halte. Allerdings werden viele Fachwörter verwendet und nur selten welche erklärt (hier hilft eventuell das Glossar weiter). Verständliche Erklärungen wechseln sich ab mit telegrammhaftem Stakkato-Stil, der die Texte zu den Tieren teilweise so stark verkürzt, dass der Sinn verloren geht. Manchmal sind auf den Fotos auch andere Arten abgebildet als die, um die es laut Überschrift in diesem Text geht. Ebenso verwirrend ist die Tatsache, dass oft mehrere Trivialnamen für ein und dieselbe Art in dem kurzen Text verwendet werden (Beispiel: Aland oder eben Orfe oder Nerfling). Dass die verschiedenen Trivialnamen in der Überschrift auftauchen, ist richtig und sinnvoll; durch die synonyme Verwendung und dann auch noch Vergleiche zu anderen Tierarten verliert man aber rasch den Überblick, wer sozusagen nun eigentlich wer ist. Die Steckbriefe sind außerdem nach keiner erkennbaren Systematik geordnet, und es gibt keinen Bestimmungsschlüssel, der dabei hilft, zu erkennen, um welche Art es sich etwa bei einem Tier handelt, das man gerade gefunden hat.

Die Fotos sind von gemischter Qualität. Viele, sogar die meisten, sind exzellent und zeigen auch die Merkmale der Tiere, die im Text benannt wurden. Auf manchen Fotos dagegen kann man die Kennzeichen fast gar nicht erkennen, und von anderen Arten wiederum gibt es gar keine Bilder, sondern es wurden Bilder nah verwandter Arten ausgewählt, worauf allerdings nur kurz in einem Halbsatz eingegangen wird.

Zwischen den Artporträts enthält das Buch auch Tipps, wie man in der Stadt praktischen Naturschutz betreiben und etwa einzelne Tiergruppen fördern kann – oder aber auch, wie man beispielsweise Insektenbefall in der eigenen Wohnung vermeidet bzw. wie er bekämpft wird.

An (einigen wenigen) Stellen hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen (so merkt man beispielsweise genau, dass das Buch von Zoologen geschrieben wurde, wenn Pilze und Flechten als Stämme des Pflanzenreichs bezeichnet werden.

Insgesamt bietet „Stadtfauna“ einen Überblick über die Tiere der Stadt, ist eine fundierte Sammlung von Verbreitungs- und anderen Daten und vielen interessanten Informationen. Einen herkömmlichen Bestimmungsschlüssel ersetzt es allerdings nicht, sondern kann höchstens eine Ergänzung desselben sein. Vom Leser wird erwartet, sich selbst in der Struktur zurechtzufinden. Wer über diese Kompetenz verfügt, dem wird „Stadtfauna“ Spaß machen und viel Neues über die Tiere unserer Städte beibringen.

P.S.: Jedem, der lieber etwas Narrativeres lesen möchte als knappe Artporträts, sei zusätzlich Bernhard Kegels Werk „Tiere in der Stadt“ empfohlen.

 

 

Stefan Ineichen, Bernhard Klausnitzer, Max Ruckstuhl:

„Stadtfauna“

Haupt Verlag 2014

436 Seiten, Euro 14,99

ISBN 978-3954640287

 

 

Hoch

 

 

 

Über die Schönheit der Tiere

Luc Semal: Bestiarium - Zeugnisse ausgestorbener Tierarten

Von Anne Spitzner

 

Unzählige Tier- und Pflanzenarten sind seit der Entstehung des Lebens von unserem Planeten verschwunden. Fünf große Wellen des Artensterbens gab es bisher – alle ausgelöst durch gewaltige Katastrophen oder andere sogenannte natürliche Ursachen. Derzeit leben wir in einer sechsten Welle des Artensterbens – ausgelöst durch uns. Unser rapides Bevölkerungswachstum, einhergehend mit immer größerer Flächennutzung, Umweltverschmutzung oder gezielter Ausrottung haben zahlreiche an den Rand des Aussterbens gebracht – und viele bereits darüber hinaus.

Einer Auswahl dieser Arten setzt Luc Semal in seinem Buch „Bestiarium – Zeugnisse ausgestorbener Tierarten“ ein Denkmal. 69 ausgewählte Tiere, bedingt durch die historisch-zoologische Quellenlage hauptsächlich Vögel und Säugetiere, werden chronologisch geordnet vorgestellt. Dabei reicht die Zeitleiste von in der Steinzeit lebenden Tieren wie dem Höhlenbären bis heute zu Tieren wie dem Java-Tiger. Auch kontrovers diskutierte Unterarten wie Quagga oder Berberlöwe sowie Tierarten, deren Aussterben noch nicht als wissenschaftlich abgesichert gilt, werden dargestellt.

Dabei gelingt es Semal als promoviertem Politikwissenschaftler hervorragend, eine neutrale Position einzunehmen (soweit das eben möglich ist). Natürlich ist die Grundposition seines Buches klar, aber er gleitet in den Texten zu den einzelnen Tierarten niemals in jene polemische Pauschalverdammung des Menschen ab, die man bei so vielen anderen Gelegenheiten zu lesen bekommt. Stattdessen macht er klar, wie viele Facetten das durch Menschen direkt oder indirekt verschuldete Artensterben hat: Bejagung oder gezielte Ausrottung sind die eine Seite, aber auf der anderen gibt es auch die Lebensraumzerstörung, das Einschleppen von Krankheiten oder Fressfeinden, an welche die einheimische Tierwelt nicht angepasst ist, oder die Konkurrenz durch Haus- und Nutztiere des Menschen.

Jedem der 69 ausgestorbenen Tiere ist eine Doppelseite gewidmet, die folgendermaßen aufgebaut ist: Auf der linken Seite befinden sich ein informativ und kurzweilig geschriebener Text sowie eine Infobox mit den wichtigsten Fakten wie Größe, Verwandtschaft zu heutigem Tieren und das Aussterbejahr. Außerdem ist noch eine Skizze oder ein Bild des Tieres zu sehen.

Auf der rechten Seite befindet sich ein Bild, entweder vom ganzen Tier oder von einem Ausschnitt, den man manchmal erst enträtseln muss. Durch die Präsentation der Bilder auf vollständig schwarzem Hintergrund, zusätzlich verdunkelt durch Schatten, scheinen sie sich dem Betrachter entziehen zu wollen, ganz so wie die Arten, denen sie angehören und die für immer verschwunden sind. Die großartigen Fotografien von Yannick Fourié, die alle von Präparaten des Naturalis Biodiversity Center in den Niederlanden gemacht wurden, unterstützen die Aussage des Buches beinahe besser als die Texte. Sie zeigen die Schönheit der Tiere und machen deutlich, was wir mit ihnen verloren haben.

Am Ende des Buches befinden sich noch ein kleines, aber feines Glossar und jede Menge Tipps zu weiterführender Literatur, geordnet nach den behandelten Texten.

Das „Bestiarium“ zeigt auf eindrucksvolle Weise, was wir Menschen schon angerichtet haben (und noch anzurichten im Begriff sind). Dabei kann Luc Semal bei aller Neutralität seine Trauer um die verlorenen Arten nicht verbergen. Und das sollte er auch nicht. Stattdessen sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre für alle gemacht werden, welche die Wichtigkeit des Natur- und Artenschutzes anzweifeln.

 

Luc Semal:

„Bestiarium –Zeugnisse ausgestorbener Tierarten“

Haupt Verlag 2014

168 Seiten, Euro 39,90

ISBN 978-3258078731

 

 

Hoch

 

 

 

Der lange Weg bis zur See. Ein Matrosen-Roman an Land

Jack Kerouac: "Mein Bruder, die See"

Von Ada Bieber

 

Jack Kerouac ist mit seinem Text “On the Road” bis heute nicht nur Kultautor, sondern auch unangefochtener Erzähler, wenn es darum geht, über das Reisen durch Amerika einer jungen Generation in der Mitte des 20. Jahrhunderts nachzudenken. Das Reisen zu jener Zeit war, so scheint es, zwar längst nicht mehr beschwerlich, aber dennoch nicht leicht. Und so wird die Reise selbst zum Seelenspiegel einer Generation, die sucht, sich berauscht, wild und sorglos lebt, das Leben hinterfragt und nicht selten auch vor ihm flieht. Das ist nicht nur in “On the Road” der Fall, sondern auch in der frühen Erzählung “The Sea is my Brother”, die Kerouac 1943 fertigstellte, und die seit kurzer Zeit erstmalig auf dem Buchmarkt erhältlich ist. In Deutschland erschien sie unter dem Titel “Die See, mein Bruder” in einer glamourösen Ausstattung, die mit 50 Schwarz-Weiß-Photographien aus New York, von Matrosen und dem Leben an Bord der Tanker und Frachter aufwartet. Versammelt werden hier eindrucksvolle Photographien von Margaret Bourke-White, Cornell Capa, Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt, Elliot Erwitt, Andreas Feininger, Dorothea Lange, Carl Maydans und Weegee, die nicht nur Kerouacs Erzählung illustrieren, sondern vielmehr diese Meistererzählung komplettieren. Gemeinsam ergeben Text und Photographien ein Tribut an einen großen Schriftsteller, der mit dieser Erzählung seine eigenen Erfahrungen als Matrose literarisch verarbeitet und ein Matrosenbild kreiert, das getränkt ist von tiefer Traurigkeit und einer unstillbaren Sehnsucht nach einer diffusen Freiheit auf dem Meer.

Wesley, der herumvagabundierende, junge und draufgängerische Matrose, trifft in einer  New Yorker Bar den Intellektuellen Bill, Dozent für amerikanische Literatur an der Columbia. Nach einer schnellen Nacht mit schönen Frauen und einem vormittäglichen  Trinkgelage in einer Bar brechen die beiden auf, um in Bosten auf einem Grönlandfahrer anzuheuern. So treffen sich auch auf der Handlungsebene Meer und Literatur, und es beginnt eine lange, schleppende Reise durch die Stadt, die Küste entlang, hin zur See. Nur sehr langsam nimmt die Reise an Fahrt auf, scheint beinahe träge, wird immer wieder von Schnaps und Prügeleien unterbrochen und lotet en passant die Erwartungen an das Leben selbst aus. Bill, der nicht ohne die Literatur auskommt, wirft immer wieder existentielle Fragen auf. Und obwohl in den dunkelsten Spelunken und Häfen unterwegs, findet er Menschen, mit denen er seine Liebe zur Literatur und seine politischen Ideen teilen kann. Er wird nur langsam zum Matrosen, bis er schlussendlich tief im Bauch des Schiffes, Worte lesend und stammelnd, von der See vereinnahmt wird.

Damit ist dieser Matrosen-Roman mehr ein Roman über das Leben der Matrosen während des Landganges und dem sich allmählichen Losreißen vom Land denn über die See selbst. Die See ist mehr ein im Geiste assozierter Bruder als ein tatsächlicher Bezugspunkt in dieser Erzählung, denn die Männer kleben förmlich an den Städten fest, obwohl sie sich fortwährend nach der See sehnen. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass nicht nur aus romantischen Gründen oder um heldenhafter Männlichkeitsentwürfe willen dem Meer zugestrebt wird. Bittere, tiefsitzende Verletzungen sind es, die die jungen Männer ziehen lassen, und die die Möglichkeit des Bleibens an Land scheinbar unmöglich machen. Die Gründe, der See zuzustreben, sind nicht nur Subtext in dieser frühen Erzählung von Kerouac, vielmehr liefern sie die Folie für eine Welt voller sehnsüchtiger, oder intellektueller junger, attraktiver Männer, die aus einer Gesellschaft fliehen, die ihnen nicht mehr als Krieg, Ungleichkeit, Unehrlichkeit, Einsamkeit oder Betrug entgegenhält.

 

Jack Kerouac: Mein Bruder, die See. Erzählung.

Aus dem Amerikanischen von Michael Mundhenk.

Hamburg: Edel Verlag 2011. 208 Seiten, 50 Abbildungen,

ISBN 978-3-941378-80-3, € 39,95.

 

 

Hoch

 

 

 

Leben trinken

Küf Kaufmann: Wodka ist immer koscher: Ein Roman über das Trinken und das Leben.

Von Carolin Kotsch

 

Der Protagonist in Küf Kaufmanns Roman erzählt in vielen Episoden von seinem Leben, ohne dabei chronologisch vorzugehen, und dabei tritt vor allem anfangs in einen direkten Kontakt mit dem Leser. Dabei berichtet er von seiner Kindheit in Russland, den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und den Verhältnissen nach dem Krieg. Aber der Leser erfährt auch von der Jugend, die sich vor allem im Sommer abgespielt zu haben schien und die ersten sexuellen Erfahrungen mit sich brachte. Später veranschaulicht er sein Leben als Theaterdirektor mit Hilfe von vielen kleinen Anekdoten, die auch Bezug auf die Lebensgeschichten von den ihn umgebenden Menschen nehmen. Hervorzuheben ist hier beispielsweise die Geschichte des ehemaligen Solisten Miron, der seine Tochter allein aufzieht und die heranreifende Schönheit während der Vorstellungen dem jeweils pflichtgemäß anwesenden Feuerwehrmann anvertraut. Miron wähnt sie so lange in Sicherheit, bis eines Tages das Fehlverhalten eines Feuerwehrmanns nicht mehr übersehbar ist.

Ein großes Thema, das den ganzen Roman durchzieht, ist die Kunst in all ihren Formen. Es lässt sich eine große Liebe zur Kunst und zum unkonventionellen Leben als Künstler erahnen.

Nebenbei erfährt man vielerlei Interessantes über russische Gepflogenheiten, wie die Trinkgewohnheiten und den extensiven Genuss von Wodka, aber auch zahlreiche geschichtliche Aspekte, die der Leser aus dieser Sicht vielleicht noch nicht kannte. Dazu gehört vor allem die Darstellung deutscher Kriegsgefangener und der Vorbehalte auf russischer und deutscher Seite dem jeweils anderen Land und seinen Bewohnern gegenüber. Diesen Vorbehalten muss sich der Protagonist, der zudem Jude ist, schließlich selbst stellen und lernt dabei viel über das Leben und die Liebe.

Dem Autor gelingt es mit viel Sarkasmus und mit einer großen Portion Selbstironie auch Themen, die sonst weniger interessant und farbenfroh erscheinen, auf eine ansprechende Weise darzustellen. Unter anderem wird auch die russische Bürokratie parodiert und zwar in einer derart ansprechenden Weise, dass der Leser an manchen Stellen zu mehr als nur zum Schmunzeln angeregt wird. Dadurch kann man sich gut in das abwechslungsreiche Geschehen einfühlen. Eine leichte und bekömmliche Lektüre möglich.

Küf Kaufmanns Roman ist mehr eine Hommage an das Leben als ein Roman über das Trinken, wie der Titel, vielleicht ein wenig augenzwinkernd, impliziert.

 

Küf Kaufmann:

Wodka ist immer koscher: Ein Roman über das Trinken und das Leben

Aufbau Verlag 2011

208 Seiten, 16,95 Euro

ISBN 978-335103343

 

Hoch

 

 

Horzon ist in der Debatte - die herkömmlichen Printmedien feiern ihn mit solchen Begriffen wie Schelmenroman, Bildungsroman, die Blogger verreißen ihn als Spinner, als Aufschneider und einer, der nicht für sich sorgen kann.

Wir haben unsere Rezensenten gefragt: Was gibt es zu sagen über "Das weiße Buch" von Rafael Horzon.

Hier die Antworten:

 

Tobias Hofer

Warum mir Rafael Horzon sympathisch ist? Er führt keines dieser in Deutschland allgemein erwünschten Beamtenleben, sauber normiert und kontrolliert und je nach Gefügigkeit vom Staat alimentiert. Richtig spannend wird es, wenn seine Kinder soweit sind, dass über sie der Vater ins Schema gepresst wird. Wie wird Horzon reagieren? Ich will eine Fortsetzung vom "Weißen Buch". Je mehr dieses Land einem wie Horzon abtrotzt, desto deutlicher wird sich zeigen, wer diesen Kampf gewinnt. Ich wünschte, Horzon.

 

Melanie Grundmann 

Rafael Horzon: Lebenskünstler, Schwindler, geistiger Verführer. Ein Mann, der Fön, Kaffeemaschine und Toaster aus dem Eigengebrauch als japanische Kunst verkaufte und damit Rekordumsätze machte. Das ist Dandytum: die gesellschaftlichen Strukturen, hier die Kunstszene, ad absurdum führen und mit ihrem eigenen Narzissmus vorzuführen. Als ihm das zu langweilig wurde, verlegte sich Horzon auf Selbstinszenierung und die Erschaffung seiner eigenen Wirklichkeit, die als Gegenwelt zur belanglosen Realität konzipiert ist. Zuletzt legte er seine Autobiografie vor: “Das weiße Buch” und man denkt unweigerlich an das gelbe Buch aus Oscar Wildes “Dorian Gray”, welches wiederum Huysmans “des Essentes” ist, die Bibel des Ästhetizismus - oder auch an das weiße Blatt Mallarmés, das in diesem Fall als Symbol der Leere, die die dandystische Maskerade verbergend enthüllt - zumindest für den, der sie zu lesen versteht.

 

Cay Meyer

Klamauk und Kultur zusammen, das ist weder originell noch wertvoll, auch nicht im "Weißen Buch", aber das Wertvolle ist, was es über seinen Autor, Rafael Horzon, verrät, nämlich, dass er kein verdammter Spießer ist. Er macht 30.000 Sachen und manches davon funktioniert, wie seine Regale. Die sind gut!

 

Iris Kersten

Scheint also auf den ersten Blick ganz interessant zu sein, aber anscheinend im Aufbau nicht ganz rund (das hab ich aus einer Amazon-Rezension mit drei Sternen), sprachlich kann ich natürlich so gar nix sagen. Rein von der Thematik her, weiß ich nicht, ob es ein Buch für mich wäre (Vielleicht ein Toilettenbuch, zu dem man mal hin und wieder greifen kann. An einem Stück würde ich es bestimmt nicht lesen, wobei ich gern den Part lesen würde, in dem er Gegenstände in eine Galerie stellt und sie einfach dadurch zur Kunst erklärt). Irgendwie finde ich es auch seltsam, dass es weder ein Roman noch ein Sachbuch ist, sondern sich angeblich dazwischen befindet. Also weder Fisch noch Fleisch???

Außerdem erinnert es mich ein bisschen an "Mein Leben in Aspik" – dieses Buch hier scheint ja auch ziemlich... skurril (?) zu sein... und das ist dann natürlich mal wieder Geschmackssache...

 

Susan Müller

Die ersten Seiten reichen mir persönlich aus, um nicht alle 214 lesen zu wollen, bereits am Anfang wechselt der Autor innerhalb von Extremen und er hält seine Ausführungen im skurrilen Stil, aber wie in allen Bereichen der Literatur ist „Das weiße Buch“ sicher absolute Geschmackssache, meinen trifft es diesmal nicht.

 

Anne Spitzner

Ich habe tatsächlich noch nie von diesem Buch gehört.

 

Eva Schichor

1. Ich habe das Buch nicht gelesen.

2. Und auch keine Meinung dazu, habe aber im Urlaub auf Korsika (wo einer der anwesenden Journalisten ein Exemplar mit ins Kloster gebracht hatte) aufgeschnappt, dass irgendjemand es zu ästhetisch fand und deshalb nervig, vielleicht auch langweilig.

3. Habe gerade einen kurzen Blick auf www.modocom.de geworfen und musste immerhin ein bisschen schmunzeln über Butaris-Diät. Und weil der Gegenentwurf zu den Billy-Regalen einen hauptsächlich an Billy-Regale erinnert.

 

Rafael Horzon:

"Das weiße Buch"

Suhrkamp 2010

218 Seiten, Euro 15,00

ISBN: 978-3518462263

 

Hoch

 

 

Hart gezeichnet

William S. Burroughs: „Naked Lunch“

Von Martin Lohmüller

 

„Naked Lunch“ ist kein Buch. Na gut, physisch gesehen ist es das natürlich, aber darum geht es nicht. Es ist eine der Bibeln der Beatniks oder der Typen, die einfach rumgefahren sind und an ihrer Freiheit nippten, in der Form vielleicht als erste. Kerouac gehörte dazu und William S. Burroughs. Bei ihnen war Leben und Schreiben eins, sie lebten, wie sie schrieben und andersherum. Zehn Jahre war Burroughs (Jahrgang 1914 – in Amerika ein guter Jahrgang, was Künstlertum betraf) unterwegs und lebte, was das Zeug hielt. In „Naked Lunch“, das mit dieser Ausgabe in der ursprünglichen Form vorliegt (in der anderen, mit der wir uns Jahrzehnte auf deutsch begnügen mussten, war viel geglättet…) Geglättet! Man mag es im Nachhinein kaum glauben, war das doch schon das Chaotischste von allem. Jetzt sind die Stories von den Typen, denen Burroughs begegnet und die er aneinanderreiht wie Trophäen des Scheiterns noch krasser  (der Roman ist zu seinem Segen neu übersetzt worden), noch härter gezeichnet. Schriftstellerisch wie vom Leben.   

Es ist unvorstellbar, dass man sein kann ohne „Naked Lunch“, wenn man jung ist und in dieser keimfreien Welt überstehen soll. Burroughs hat in seinem Buch allen denen da in ihren Büros und Entscheideretagen, in ihren Lernhöllen und Arbeitsvorhöllen einen anderen Zeitbegriff entgegengesetzt, er hat sich Zeit eigen gemacht, sie sich nehmen lassen. Damit landet er voll in der Gegenwart dieses gehetzten und darum so verhuschten Mitteleuropas, das seinen jungen Generationen die Zeit nimmt, um sie nicht nachdenken zu lassen, um sie knechten zu lassen für einen Wohlstand, über dessen Art und Ausmaße sie nicht mit zu entscheiden haben. Dort stören Liebe, Rauchen und Saufen nur, sie sind Laster, die die Versklavung zum Stocken bringen könnten. Raus aus all dem, hinein in das, was bunte Tourismuskataloge nicht versprechen, sondern so was wie selbst gewähltes Leben. Wer ein Jahr unterwegs war, hat es auch schon gemerkt und den anderen erzählt: Dass viele deutsche, österreichische, Schweizer Traveller zur Zeit unterwegs sind, sie hängen in Südamerika rum und in Asien und sonst wo. Das ist ihre Antwort, sie ist mächtig wie Burroughs’ Buch. Man sollte es lesen.  

 

William S. Burroughs:

„Naked Lunch“

Die ursprüngliche Fassung

Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner

Nagel und Kimche 2009

377 Seiten, Euro 24,90

ISBN 978-3312004270

 

Hoch

 

 

Absolut authentisch

Fritz–Dieter Doenitz: Bockwurst, ade!

Von Susan Müller

 

Man möchte es kaum glauben, denn wenn man den Titel liest, dann klingt es (zumindest in meinen Ohren) wie der Abschied von der Bockwurst, die man nie mehr essen will oder die es nicht mehr gibt.

Es ist wie so oft im Leben, Auslegungssache, noch…

Jetzt geht es ja erst richtig los. Unser Romanheld arbeitet bei Carl Zeiss in Jena und stellt einen Ausreiseantrag. Um diesen herum erfreut er uns mit Tatsachen aus der damaligen Zeit, der DDR-Zeit. Ich finde es durchaus witzig dargestellt, wie er uns mit den Dingen belustigt, die damals gang und gäbe waren. Eine Hand wäscht die andere, ob beim Handwerker und dessen Zeit oder Zubehör. Gut, dass seine Frau Dermatologin ist und so mal eben ein Rezept gegen die Sonntagsrouladen eintauschen konnte. Ein Lachen überzieht auch mein Gesicht, wenn ich im selben Kapitel lese, dass das Fleischereipaket ein Überraschungspaket war, da man aufgrund der Menge an wartender, Schlange-stehender Kundschaft im Verkaufsraum keinen Vorabblick riskieren konnte, ohne dass Unruhe in die Meute gekommen wäre. Aber die Untersuchung im Hinterraum der Fleischerei war dabei auch vonstatten gegangen ohne nervenaufreibende Zeitverschwendung in einem Wartezimmer.

Unbeschönt und ehrlich beschreibt Herr Doenitz unseren damaligen Alltag, denn er verschweigt auch nicht, dass demjenigen, der sich dem Dienst der Staatssicherheit, verweigerte, zwar viel angedroht wurde, aber letztlich nichts passierte.

Die Familie will aber weg aus der DDR. Unserer Romanfigur werden im Betrieb sofort alle Chancen verbaut und den Kindern der Bildungsweg, nur die Dame des Hauses darf in ihrem Beruf weitermachen, da Dermatologen rar sind.

Erstaunt nimmt unsere Romanfigur allerdings zur Kenntnis, dass  nach der Wende, als er in seine durch die Stasi angelegte Personalakte einsehen kann, seine Einschätzung vom Betrieb keinerlei Anzeichen aufweist, die ihn „verteufelt“ hätten.

Als es endlich geschafft ist und der Ausreiseantrag genehmigt wird, man nur an Schmuck mitnehmen darf, was anlegbar ist, und damit behangen im Zug sitzt, erklärt sich der Titel. Denn als die Grenze passiert wird und die Kontrolle eher mager ausfällt, sind die Worte der Familie aus dem Zugfenster „Bockwurst ade“. Denn eine solche; wie sie in der sogenannten "Zone" gegessen wurde, wird es so schnell nicht wieder geben. Aber ob man darüber traurig war?

Ein authentisches und absolut gut zu lesendes Buch, das weiterempfehlenswert ist.

 

Fritz-Dieter Doenitz: „Bockwurst, ade!“

Bookspot 2010

141 Seiten, 12,80 Euro

ISBN 978-3937357393

 

Hoch

 

 

Ich  bin  dann  mal  unten  im  Café

Die Capote-Zusammenstellung auf Reisen ist ein Mixtape, das eigenartige Sachen mit einem anstellt.

Von Jan Fischer

 

„Alle Truman Capote-Bücher müssten in silberblaues Leinen gebunden sein“, schreibe ich in mein Notizbuch, aber das ist nur einer dieser Sätze, egal, wichtig ist, dass ich ihn an einem dieser neuen Tage schreibe, an denen jetzt der elendige Winter von uns abfällt, und denke: Zum Glück gehen kaum Deutsche auf die Straße, um das zu feiern. Die türkische Bedienung im Café lächelt mir zu, als ich „Espresso und ein Glas Leitungswasser“ bestelle, der pakistanische Harfist mit Turban auf dem Kopf baut sein Instrument auf, die Nationalität der Menschen, die auf dem Platz, auf den Bänken in der Sonne herumlungern, kenne ich nicht, aber es sind eine Menge Hauttöne zwischen hellbraun und schwarz dabei, wie eine Parade Kaffees mit verschieden hohen Milchanteilen, und die Sprachen, die sie sprechen, kann ich kaum identifizieren. auf  Reisen  liegt aufgeschlagen auf dem Cafétisch in der Sonne, und die Silberfäden in dem babyblauen Umschlag glitzern im Frühling.

„Kaltblütig“, notiere ich, „müsste ein kompromissloses Dunkelblau sein, Yves-Klein-Blau, vielleicht, Frühstück bei Tiffany's  einen Ton heller und schmutziger, wie, wenn der Himmel an einem regnerischen Tag blau wäre, und nicht grau, Andere  Stimmen, andere Räume am besten wie der endlos stumpfe stone-washed-Himmel an einem heißen Sommer im Mittleren Westen“.  Dann setze ich kurz den Stift ab, der pakistanische Harfist hat angefangen, sich warm zu spielen, kristallene Kadenzen schwirren über den Platz. „Solche Sachen macht Capote mit einem“ notiere ich unter meine Ausführungen zur Farbe Blau.

Und damit wäre eigentlich alles gesagt: Solche Sachen macht Capote mit einem: Ein bisschen wie eine Droge, die ganz sanft die Aufmerksamkeit verwischt und weglenkt, bis die Capote-Welt und die eigene vollkommen deckungsgleich sind. Was natürlich im Fall von auf Reisen umso schwerer wiegt, weil es Reisereportagen sind, Reportagen im besten Sinn des lateinischen Wortstammes „rapportare“ übrigens: Rappotare heißt zurücktragen, und genau das tun Capotes Reisereportagen in auf Reisen: Sie tragen Capotes längst vergangene Welt – von New York über Tanger über Spanien und Venedig – zurück zum Leser. Manchmal wirken sie dabei roh, unbehauen, wie flüchtig dahingeworfene Notizen, an den besten Stellen ist es, als hätte niemand die Texte geschrieben, sondern als wären sie einfach schon immer da gewesen. In so viel Beiläufigkeit und Leichtfüßigkeit steckt eine Menge Arbeit: Es sieht zwar aus wie Notizen, aber jeder Satz sitzt, jedes Wort evoziert diese Stimmung, in der ich Harfentöne als kristallen bezeichne und beginne über die Farbtöne von Capotes gesammelten Werken zu meditieren.

auf Reisen, das wäre vielleicht noch zu erwähnen, ist eine Zusammenstellung, ein Mixtape eigentlich, mit Tracks, die verschiedenen seiner Werke entnommen sind, sich aber auch in dieser Zusammenstellung gut machen, zum Beispiel als Reiselektüre in doppeltem Sinne: Als Daheimgebliebener pimpt man den Park um die Ecke mit ein bisschen Capote-Feeling, für Reisende ist es eine Blaupause für den  Blick, den man entwickeln kann, um wirklich unvergessliche Erinnerungen anzusammeln.

Als ich aufstehe und zahle, hat dann der Harfist sich auf Für Elise eingeschossen, und der Himmel über der Stadt hat dasselbe Blau wie der Umschlag des Buches.

 

Truman Capote:

Truman Capote auf Reisen

Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay

Kein & Aber 2010

176 Seiten, 14,00 Euro

ISBN 978-3036955612

 

Hoch

 

 

Das befreit!

„Spucke“ von Wolfgang Frömberg

Von Vera Mayer

 

Mit „Spucke“ ist eines der besten Bücher der deutschen Popliteratur zu haben; Pop übrigens sehr wörtlich: Der Autor, Wolfgang Frömberg, war Redakteur beim Musikmagazin „Spex“, und viel in dem Buch hat damit, mit den Menschen und ihrer Musik, zu tun. Natürlich muss sich der herkömmliche Kulturbetrieb mit sekundären Romanen herumschlagen, weil die in den großen Verlagen erscheinen und daher –nur daher, und also völlig ohne Grund - Aufmerksamkeit bekommen. Vielleicht ist das auch ein Naturgesetz: Kleine Verlage haben das bessere, nämlich nicht vom Kommerz vernebelte Gespür für das richtig Gute. Hier jedenfalls ist es so.

Förster, die Hauptfigur, stolpert durch ein Leben, von dem er nicht weiß, wohin es führt. Er bricht aus aus seiner Herkunft, der Vater ist bei Ford, es kann kein Traum sein, sich von einem Konzern verknechten zu lassen. Sich nicht verknechten lassen, selber was machen, was anderes, ohne die großen linken Revolutionsideologien – also ganz ohne Ideologien: Einfach das machen, was Spaß macht. So ist Förster. Wer Förster folgt, liest endlich einmal, anders als bei den Popvorgänger-Romanen, von dem krassen Risiko, was die Leute eingehen, die sich ganz allein auf einen ungewissen Weg machen. Buchstäblich ohne Papi im Rücken, kein lustig rebellierendes Bürgersöhnchen, das immer wieder weich fiele, wenn es denn fiele. Förster weiß wirklich nicht, ob er den Boden unter den Füßen verlieren wird, wenn er andere Wege geht. Er könnte der Prototyp der Neuen Gesellschaft, des sozialen Traums des aufgestiegenen Arbeiterkindes sein; aber er lässt sich nicht benutzen. Er will Spaß am Leben haben, und den hat er in der Musikszene, der er sich durch seine Arbeit bei „Spucke“ respektive „Spex“ nähert. Auch mal drin versinkt: Man erfährt viel.

Das Buch ist also nichts für altlinke Andere-Verbesserer, die sich mit ihren Rotweingläsern die Abende verlängern und sich belügen, sie hätten etwas bewegt. Für die ist „Spucke“ ein Vorwurf. Da ändert einer wirklich seine Verhältnisse, landet aber nicht dankbar in den Armen der Globusretter, und später weiß Gott auch nicht in der Toskana, sondern entflammt ganz einfach für die Musikwelt.

Wenn man das Buch eines Musikzeitschriftenredakteurs liest, dann hat man gewisse Erwartungen. Und diese Erwartungen werden erfüllt. Das Buch ist jung. Es ist kein Buch der Jugend – es ist nicht von einer geschwätzigen 17-, 18-Jährigen mit den richtigen Connections im Hintergrund geschrieben, sondern von einem Mann, der die Chance, die Popliteratur nicht nur wie andere verspricht, sondern bietet, ergreift. Das polarisiert. Also neutral, offen rangehen: Dann ist „Spucke“ eine klasse Ergänzung für das literarische Leben. Weil es sich über Konventionen hinwegsetzt, nicht niederkniet vor den Befreiern der Vergangenheit, sondern das Leben so geil nimmt, wie es sein kann. 

Wer in Bezug auf deutsche Popliteratur ein ernsthaftes Wort mitreden will, der muss „Spucke“ gelesen haben. Fiction meets reality: Popliteratur darf gemäß literarischer Nomenklatura nur mitmischen, wenn die Schöpfer die fetten Medien im Rücken haben; das ist die mediengemachte Popliteratur, so hat sie funktioniert, so ist sie aus der Taufe gehoben worden. „Mind the gap“ ist ein Satz, der aus dem Buch "Spucke" ins Leben überspringt, „Mind the Gap“ in diesen öden Funktionsweisen des Kulturbetriebs, so wie es „Spex“ tat und nun „Spucke“ tut, der Satz ist tatsächlich treffend für den ganzen Sturm, den das Buch, wenn man darüber nachdenkt, auslöst.

Wolfgang Frömberg zwingt dazu, sich ernsthafte Fragen zu stellen: Popliteratur gibt es ja wirklich! Nicht herbeigemarketingt. Jetzt weiß man, dass da echt etwas dahintersteckt. Das befreit. Und die Freiheit zu lesen, was man möchte, ist niemandem unbenommen. „Spucke“ kann gut dazugehören.

 

Wolfgang Frömberg:

"Spucke"

Halblizel Verlag 2009

224 Seiten, Euro 14,90

ISBN 978-3941978003

 

Hoch

 

 

Ist nicht alles Goldt

Max Goldt: "Ein Buch namens Zimbo"

Von Urs Nägeli

 

Wie gehst mir bei diesem Buch? Max Goldt ist ja der Autor einer Riesenszene, die es gewohnt ist, ihr kleines Gefühl auf der großen Welt in Goldts Kolumnenstil wiederzufinden. Er antwortet auf den Alltag, den wir erleben. In der Sammelei "Ein Buch namens Zimbo" ist sofort das gemeinsame Gefühl wieder da: das habe ich doch auch schon gedacht, das ist mir doch auch schon aufgefallen, das hat mich doch auch schon genervt. Endlich einer, der es treffend zu Papier bringt. Die Max Goldt-Leser, die ihn sich vor Jahren in der Uni-Cafeteria gegenseitig vorgelesen und gelacht haben, leben in einer noch zersplitterteren Welt als früher, sind ruhiger geworden, lesen ihn für sich allein und beim Rotwein. Da breitet sich der Zorn über bundesdeutsche Spießigkeit gelassener aus.

Man spürt an sich selber, dass Max Goldt einem in der Niederlage auch ganz nah ist. Gemeinsam ist man über die Jahre hin Nutznießer der pseudo-offenen Gesellschaft geworden, hat eingeparkt und kritisiert jetzt ein bißchen vor sich hin. Eine permanente Unehrlichkeit haftet an uns und mit uns an diesem Buch. Macht auf Außenstehender und ist doch tief drinnen in der Mitte. 

Trotzdem gut, dass es Leute gibt, die denken wie er. Man ist nicht ganz allein.

Und handwerklich war Max Goldt schon immer gut. Tadellos. Die Themen, die Szenen, die Stimmung – gut, die Formulierungen sitzen, die Späße treffen. Wär nur der kleine Zweifel nicht, dass die Erfolgssucht zum Diktat gerufen hat. In Max Goldt ist etwas von Joschka Fischer drin. Das ist einfach die große Schattenseite. 

 

Max Goldt:

"Ein Buch namens Zimbo"

Rowohlt Verlag 2009

197 S., Euro 17,90

ISBN 978-3871346651

 

Hoch

 

 

Der große und der leckere Sinn der Tour

Zwei Bücher aus dem Residenzverlag schildern den Touralltag von Blixa Bargeld und Hubert von Goisern

Von Jan Fischer

 

Irgendwann gehen sie verloren. So unterschiedlich Hubert von Goisern und Blixa Bargeld auch sein mögen, beide verschwinden irgendwann im Alltag ihrer Tour und müssen sich mühsam wieder zurückhangeln in die Welt. Zwei Bücher aus dem österreichischen Residenzverlag berichten aus dem Touralltag der beiden: „Weit, weit weg. Die Welt des Hubert von Goisern“, geschrieben von Bernhard Flieher, und „Europa Kreuzweise. Eine Litanei“, geschrieben von Blixa Bargeld selbst. Die Ähnlichkeiten zwischen den Büchern hören beim Verlag auf: Flieher baut gleich zu Anfang ein riesiges Panorama aus Heimat, Fremde und Reisen auf: „Wer aufbricht, lässt eben diese Vertrautheit – zumindest zeitweise – mit voller Absicht zurück. Darin liegt der Sinn des Reisens. Vertrautheit wird gebrochen.“ Blixa Bargeld dagegen sieht die Sache eher so: „Routine stellt sich ein. Die einzelnen Konzerte verschwimmen zu einem einzigen Zeit-Raum ohne örtliche Trennungen, mal heller, mal dunkler.“

Dabei ist die Verlorenheit der beiden dieselbe: Bei Bernhard Flieher steht Hubert von Goisern bei einem Wüstenfestival am Ende der Welt in der Sahara, und der Sand verwischt alles, was da passieren könnte. Blixa Bargeld tourt durch Europa und weiß irgendwann gar nicht mehr genau, wo er eigentlich ist.

Der große Unterschied zwischen den beiden Büchern ist, dass der Touralltag unterschiedlich aufgefüllt wird: Bernhard Flieher dichtet Hubert von Goisern Sinnhaftigkeit an, eine Mission, nämlich die Erneuerung traditionellen österreichischen Alpenliedguts, und die Verbreitung dieses Alpenliedguts in der Welt, und dieser Mission ordnet sich die Reise unter. So stehen bei Flieher die Touren des Hubert von Goisern unter genau diesem Stern, und Flieher ergeht sich in endlosen Musikanalysen, in denen er Hubert von Goiserns Musik zwischen Alpentradition und Neuerfindung mit Hilfe der in auf der Tour akquirierten Weltmusik einordnet. Blixa Bargeld hat keine solche Mission: Flieher schildert von Goiserns Auftritte lang und breit, Blixa Bargeld beschränkt sich auf die Wiedergabe der immergleichen Setlist. Was seiner Tour Struktur, Sinn, gibt, ist das Essen: Bargeld erzählt mehr von den Restaurants, die er besucht hat, als von den Auftritten.

Dass Flieher von Goisern mit einer Mission in die Welt schickt, wird in seinem Buch zu einem Problem: Flieher walzt alles unheimlich aus, macht noch kleine Ausflüge in die österreichische Volksseele, schlingert von da aus zum Dritten Reich, ins Studio zu von Goisern, ergeht sich dann in langen atmosphärischen Schilderungen des Straßenbildes von Timbuktu, nur um dann wieder wegzudriften in die genaue Herkunft irgendeines Jodlers, den von Goisern gerade in Mali spielt. Blixa Bargeld bleibt die ganze Zeit auf Linie: Keine Stimmungsbilder, keine großartigen Kontextualisierungen, Reisebewegungen werden manchmal nur durch einen Pfeil oder durch die Wiedergabe des Textes auf einem Flugticket angezeigt. Er bemüht sich gar nicht erst darum, dem dunklen Kern des Auftritts einen Sinn zu geben, Flieher tut nichts anders. Bei Bargeld geht es auch nie um Musik. Bei Flieher nur darum.

Beide Bücher interessieren sich für das Wesen der Tour, diese verrückte Idee, man müsse da jetzt rausgehen und jeden Abend auf einer anderen Bühne seine Musik präsentieren. Während Bargeld sich mit dem Skelett eines Tourtagebuchs begnügt, verwandelt Flieher von Goisern in einen Kreuzritter. Beides ist dieselbe Bewegung, nur aus genau der entgegengesetzten Richtung: Flieher schüttet in die Tour von außen einen Sinn rein, Bargeld gibt eine Schilderung ab, in der es keinen Sinn der Tour gibt – man soll ihn sich gefälligst selbst suchen. Dafür gibt’s bei ihm noch Restaurantkritiken gratis dazu.

 

Bernhard Flieher

"Weit, weit weg: Die Welt des Hubert von Goisern"

Residenz Verlag 2009

254 S., Euro 19,90

ISBN 978-3701731350

 

Blixa Bargeld

„Europa kreuzweise“

Residenz Verlag 2009

128 S., Euro 14,90

ISBN 978-3701715008

 

Hoch

 

 

Eigenartig

Katharina Bendixen: "Der Whiskyflaschenbaum"

Von Susan Müller

 

1981 geboren in Leipzig, Studium der Buchwissenschaft und Hispanistik und jetzt Autorin und Journalistin. Na gut, nichts besonderes also, ein Dasein in Deutschland. Von außen besehen. Von innen aber, also im Buch, wird es sehr speziell; die Schriftstellerin Katharina Bendixen ist ein Ausnahmetalent. Wer „Der Whiskyflaschenbaum“ gelesen hat, hat hinterher nur die Sorge, dass die Schöpferin in die befürchtete Durchschnittlichkeit absinken könnte. Dann würde ein grandioser Start versanden – aber nein, in dem Erzählband gibt es nicht einen Hinweis darauf.

Gewöhnungsbedürftig, und alles von einem guten, beruhigenden Ausgang entfernt. Wie verhält sich die Familie, deren Sohn vom Vater mit dem Traktor überfahren wird? Sie versuchen die Trauer mit immer dem gleichen Satz, den jeder der Familienangehörigen, also Vater, Mutter, Tochter, benutzt, zu bewältigen. Nicht nur der Satz ist eigenartig, eigenartig im wahren Sinne zeigt das, dass jeder anders mit Trauer umgeht. Und die Sprachlosigkeit mit in einem Sprachkunstwerk. Skurrile Beschreibung des Umzugs der Oma ins Altenheim; weniger die Gefühle der alten Dame werden in der Familie berücksichtigt, sondern die fortwährend gesuchten und gefundenen Entschuldigungen der Angehörigen zu diesem Entschluss.

Bizarre verschiedene Kurzgeschichten, die keinen Lösungsweg aufzeigen, sondern vom Nichts-Besitzen, nicht mal den Glauben an etwas, berichten.

Wer den Weg in komplizierte literarische Konstruktionen, mit Themen unserer Zeit, finden möchte, der ist hier gut, sehr gut aufgehoben.

Das gilt für die Leser. Für die, die in Literatur machen, für die, die ein vernünftiges Wort mitreden wollen über die jüngste deutsche Schriftstellerei, für die ist Bendixen –was für ein Schreckenswort!- Pflichtlektüre. Man könnte es noch bösartiger ausdrücken: Da haben sich die deutschen Feuilletons mal wieder sauber diskreditiert, als sie Bendixen ignorierten. Da hat der Verlag, poetenladen, wohl nicht die richtigen Connections. Dafür das richtige Buch.

 

Katharina Bendixen

„Der Whiskyflaschenbaum“

Poetenladen 2009

140 S., Euro 15,80

ISBN 978-3940691071

 

Hoch

 

     
 

copyright by librithek